9 thoughts on “#112 Braucht es die Christen überhaupt?

  1. Euch auch ein gutes neues Jahr, und vielen Dank für die tolle neue Folge. 🙂 (Ich mag den Poesiealbum-Satz “Gott sucht Partner.”) – Danke auch an Florian für die gute Frage, die mich auch bewegt.

    Mein Eindruck ist, dass Geschichte und Gegenwart der Christenheit katastrophal sind; und das meine ich im Hinblick auf den enormen Anspruch des christlichen Glaubens (Erlösung und Heil) und im Hinblick auf das, was, meiner Meinung nach, Christentum eigentlich sein könnte. Viele Christen haben viel Wertvolles durch ihren Glauben und auch in christlicher Gemeinschaft erfahren (mich eingeschlossen) und auch viel Gutes gemacht. Deshalb würde definitiv auch Wertvolles fehlen, wenn es das Christentum nie gegeben hätte oder plötzlich nicht mehr geben würde. Wir sind ja auch alle noch auf dem Weg und “geistliches Wachstum” ist ein Prozess, den man auch nicht erzwingen kann, und wo man möglichst jeden mitnehmen sollte. Deshalb würde ich mich auch nicht freuen, wenn das Christentum jetzt abgeschafft werden würde. – Veränderungen und Umbrüche sind natürlich oft nicht einfach (siehe die Folge mit Markus Roll).

    Ich glaube, es wäre viel geholfen, wenn wir als Christen einen gewissen Abstand zu unseren Traditionen einnehmen würden, und neu lernen würden, uns als Diskursgemeinschaft zu erkennen. Dieser Abstand bedeutet ja nicht Beliebigkeit. Es wäre eher Zeichen von Demut. Der christliche Glaube ist ja fest historisch verankert in dem Mann aus Nazareth und der jüdisch-christlichen Tradition. Wir kommen aber nicht darum herum, diese Überlieferungen zu interpretieren und diese Interpretationen dann auch zu verantworten. – Es ist schon tragisch, dass Spiritualität so in ist wie noch nie, aber “Kirche” dies weitgehend nicht versteht. [Vielleicht solltet ihr ja doch mal eine Folge zu Integralem Christentum machen!? – Richard Rohr gehört ja schließlich auch dazu ;-)]

    Wir sollten auch darüber nachdenken, inwieweit der Gottesbegriff heute noch sinnvoll gebraucht werden kann (siehe “Flow” bei Markus Roll). Das personenhafte Reden von Gott, das uns in den biblischen Texten begegnet, geschah vor dem Hintergrund polytheistisch-geprägter Kulturen. Unsere Situation heute ist grundsätzlich eine andere. Bei dem Göttlichen ging es natürlich immer auch um das, was uns nicht verfügbar ist und auf das wir keinen unmittelbaren Zugriff haben. Und das wird es sicherlich noch eine Weile geben… 😉 – Und es gibt ja auch “Kriterien” für die Positivität eines “Flows”: das Gute, das Wahre und das Schöne. (Bibel: 1. Korintherbrief 13; Galaterbrief 5,22-23; Philipperbrief 4,8; 1. Timotheusbrief 1,5; 1. Johannesbrief 4,16b; …) Das, was dem Leben und der Gemeinschaft dient.

    Wir sollten uns auch gut überlegen, wie wir mit unserem heiligen Buch (Bibel) umgehen, damit wir nicht – ungewollt – in einem antiken Christentum hängenbleiben. – Es hat sich ja schließlich in den letzten 2000 Jahren auch noch was getan… (Gab es in den 2000 Jahren eigentlich keine wichtigen Offenbarungen mehr?)

    Ich bin gerade dabei in Berlin eine Spiritual Community zu gründen. Zuerst wollte ich eigentlich noch was Christliches machen, aber bei der Vorbereitung wurde mir klar, dass ich Menschen, die noch keine wertvolle Berührung mit dem Christentum gehabt haben, nicht in die ungeklärten Probleme der Christenheit hineinziehen möchte. Deswegen versuche ich jetzt ein Projekt aufzubauen, wo Spiritualität für Menschen unterschiedlicher religiöser Traditionen und auch für nicht-religiöse Menschen anschlussfähig ist.

    Übrigens, seid ihr euch sicher mit W.W.J.D. und Mike Yaconelli? (https://de.wikipedia.org/wiki/W.W.J.D.)

    (Sorry, dass dieser Post etwas lang geraten ist …)

  2. Danke für den Talk. Ich musste an das folgende Gedicht von Andreas Knapp denken:

    Gott

    Unwort der Jahrtausende
    Blutbesudelt und missbraucht
    Und darum endlich zu löschen
    Aus dem Vokabular der Menschheit

    Redeverbot von Gott
    Getilgt werde sein Name
    Die Erinnerung an ihn vergehe
    Wie auf Erden so im Himmel

    Wenn unsre Sprache aber
    Dann ganz gottlos ist
    In welchem Wort
    Wird unser Heimweh wohnen

    Wem schreien wir noch
    Den Weltschmerz entgegen
    Und wen loben wir
    Für das Licht

  3. Gott braucht keine Christen um sich als Schöpfer zu offenbaren.
    Gott braucht erst recht keine Christen um sich als Richter zu offenbaren.
    Gott braucht keine Kirchen um sich als der Heilige zu offenbaren.
    Aber er braucht Kinder um sich als Vater zu offenbaren.
    Wenn mir jemand sagt er sei ein guter Vater, dann interessieren mich nicht so sehr seine pädagogischen Ansätze dann möchte ich gerne seine Kinder kennenlernen.
    Das würde der Welt fehlen….so was von.

  4. Wow, das war wieder ein Talk mit vielen kompakten Gedanken zum Hinterherüberlegen und nochmal anhören… Vielen Dank!
    Ich denke auch, dass es nicht wichtig ist, ob die Jesusnachfolgenden Christen heißen oder Juden oder gar keine Bezeichnung haben oder sich keiner bestimmten Kirche zuordnen – das war übrigens auch nicht meine Kritik an Markus Roll und ich hab auch fast keine andere Kritik in den Kommentaren so verstanden wie Gofi, genauso, wie ich Markus Roll nicht bzw. nicht nur so verstanden habe wie Gofi – mal ganz abgesehen davon, dass Markus zwar sagte, dass er sich nicht Christ nennen muss, aber trotzdem ja zB in seinem podcast seine Theologie ausschließlich aus den jüdisch-christlichen Texten heraus ableitet und halt noch diesen unscharfen Flow-Begriff mit reinbringt.
    Aber es hätte definitiv einen Unterschied für die Welt gemacht, wenn es Jesus nicht gegeben hätte, als Offenbarung Gottes und seines liebenden Wesens. Und darin liegt für mich auch der Knackpunkt – auf den MarkusRollTalk bezogen auch das Kriterium, an dem ich nicht mehr mitgehen konnte (was auch Stefan im Kommentar zu #109 geschrieben hat): dass mir Jesus da fehlt in der Art und Weise (oder in den verschiedenen Facetten), wie Gott sich in ihm gezeigt hat.
    Dieses „Gesicht-Zeigen Gottes in Jesus“ ist am deutlichsten in den antiken Schriften dokumentiert, weil Jesus eine historisch-geographisch gebundene antike Person war – und ich denke, dass es wichtig ist, sich mit diesen Schriften zu beschäftigen und herauszufinden, was das, was in der Antike aufgeschrieben wurde, für uns heute bedeutet – was daran antik ist und was überzeitlich. Zu Christian Schmills Frage (?), wie wir mit der Bibel heute umgehen und ob es nicht in den 2000 Jahren noch andere Offenbarungen gab: Ich denke (ähnlich wie Norbert das mit dem Vater und den Kindern so treffend beschrieben hat), dass sich alle Offenbarungen/Theologien der letzten 2000 Jahre an der Offenbarung Gottes in Jesus messen lassen müssen (die in den biblischen Texten beschrieben wird). Da kann ich in so manchen betont „christlichen“ Offenbarungen feststellen, dass das ja mit Gottes Charakter in Jesus nichts zu tun hat, genauso, wie ich im Leben und Handeln von Menschen, die sich nicht als Christen bezeichnen, sehr wohl Jesus erkennen kann. Und da gibt es den Bezug zu #109: wenn ich das, was aus der Gottesoffenbarung von Markus entstanden ist, an Jesus messe, gibt es aus meiner Sicht wesentliche Unterschiede.

    Die Frage nach der Größe der Gemeinde/Kirche hat mich stark an die Folge mit Markus Till und die anschließende Diskussion erinnert. Da ging es ja auch darum, dass er die „Richtigkeit“ oder „Falschheit“ einer Theologie/ Gemeinde/ Konfession an der Menge der ihr zugehörigen Menschen gemessen hat. Er hat aber mE Recht, wenn er sagt, dass es zu beklagen ist, wenn Kirchen ihre Mitglieder verlieren, weil das, was dort gepredigt wird, nicht mehr lebensrelevant, hilfreich, tragend ist und dass es für die Kirchen wichtig ist, sich darüber Gedanken zu machen, woran das liegt. Seltsamerweise muss man sich harsche Kritik von Evangelikalen anhören und wird zuweilen sogar verteufelt, wenn man ihre Kreise verlässt, weil man merkt, dass das, was man dort gelernt hat, mit der eigenen Lebensrealität nicht mehr vereinbar ist, es einen nicht mehr trägt und hält – und in den seltensten Fällen stellen sich dann solche Gemeinden auch die Frage, was sie ändern müssten, damit sie wieder ein Ort werden, an dem Lebens-Relevantes passiert.

  5. Ich bin noch nicht ganz durch mit dem hören aber ein paar Gedanken möchte ich doch schon mal schreiben, bevor ich sie vergesse.

    Ich glaube es gibt Gruppen / Denominationen in der Christenheit, die braucht es wirklich nicht (außer meiner eigenen natürlich ;-)) Wenn ich in der Seelsorge mit Christen zu tun habe, für die der Glaube mehr Be- als Entlastung ist, und es Gruppen gibt, die unzählige Menschen mit solch einen Glauben und Gottesbildern hervorbringt , kann ich da wirklich drauf verzichten. Das mag jetzt überheblich und arrogant klingen, liegt aber an meinen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Und zudem weiß ich auch um den eigenen Bockmist, den ich in meinen Dienst schon verzapft habe.

    Aber braucht es jetzt die Christenheit? Es wird doch immer Menschen geben, die von dem Gott, der in Jesus Christus Fleisch wurde, angesprochen werden. Dieser Gott hat den Menschen etwas zu sagen, und so wird es auch immer Menschen geben, die sich an diesen Gott halten. Und da ist es ja auch egal wie man sie nennt oder wie sie sich organisieren. Das ist alles nachgeordnet. Und diese Menschen, die mit diesem Gott unterwegs sind, die SIND Salz und Licht. Die müssen es nicht erst werden. Das wird ja oft gepredigt: Du sollst Salz und Licht sein. Nein, wir sind es schon. Und das zeigt sich in vielen Kleinigkeiten des normalen alltäglichen Lebens. Das normale und alltägliche eignet sich nur nicht so sehr für die Geschichtsbücher. Deshalb wird das negative der Kirchengeschichte auch immer mehr im Vordergrund stehen. Natürlich gibt es auch die großen, positiven Errungenschaften, die mit dem jüdisch-christlichen Menschenbild zusammen hängen, aber wir sollten das normale und alltägliche nicht vergessen, wo wir Salz und Licht sind.

    1. @Reverend Mole
      also, wenn es denn Christen gibt, die der Menschheit fehlen, dann sind es solche reflektierten Pastoren 🙂 Vielen Dank für deine Gedanken!

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