6 thoughts on “#9 Ein Pfingstpastor in der SPD (m. Samuel Diekmann)

  1. Zu eurer spannenden Folge habe ich ein paar Anmerkungen:
    – Mag sein, dass beim Konservatismus der Evangelikalen die Angst auch mitspielt. Mir scheint aber noch ein anderer Sachverhalt wichtig zu sein: Ein evangelikaler Christ glaubt, dass die Bibel zeitlose Bedeutung hat und folglich immer an einzelnen Stellen mit der gegenwärtigen Kultur kollidieren muss. Wenn es diese Kollisionen nicht gäbe, wäre die Bibel überflüssig, sie würde ja nur die anerkannten Werte bestätigen und damit die Welt nicht verbessern. Das hieße aber auch, dass die Christen einfach nur Mainstream wären. Also schauen sie: Wo sagt die Bibel etwas, was sich mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Werten nicht verträgt? Das Ergebnis: Abtreibung, Homosexualität (und noch das eine oder andere). Schutz der Umwelt oder soziale Gerechtigkeit sind natürlich auch biblisch – aber das hat die Gesellschaft ja bereits auf der Agenda. Da braucht man sich also nicht mehr zu engagieren. Die Motivation ist also, einen USP zu finden, einen Schlüssel, um „Salz und Licht“ in der Welt sein zu können.
    Ich finde es richtig, diese Kollision nicht zu meiden, leide aber darunter, dass wir Christen uns dadurch auf ein paar wenige Neben-Themen reduzieren lassen.
    – Meines Erachtens wird in eurer Diskussion politische Fortschrittlichkeit zu eindimensional gesehen. Ich selbst bin von meinem Naturell sehr veränderungs- und innovationsfreudig, kann mich aber mit dem rot-grünen Spektrum überhaupt nicht anfreunden. Das liegt erstens daran, dass mir die moralische Arroganz aus diesen Parteien einfach unsympathisch ist (also das, was man gerne den Evangelikalen vorwirft). Zum anderen hat Engagement und Einsatz für eine bessere Gesellschaft viel mehr Seiten. Ich behaupte, dass geniale technische Erfindungen, die klug vermarktet wurden, das Leben der Menschen oft mehr verbessert haben als so manche soziale Initiative. Da haben z.B. die erfinderischen Klöster im Mittelalter eine Menge Wertvolles geleistet. Ihnen ging es darum, harte, „unwürdige“ Arbeit von den Schultern der Menschen zu nehmen und gleichzeitig die Effizienz zu steigern. Der Mensch wird frei für schönere Tätigkeiten. Meines Erachtens ist das deutlich humaner, als dem Wasserträger einfach 5% mehr Lohn zu geben.
    Ich frage mich: Wo sind die christlichen Revolutionäre, die Gottes Geist in die Unternehmerwelt tragen? Wo setzen sich Jesus-Anhänger für technischen Fortschritt oder innovative Bildungsmodelle ein? Oder für eine neue Medienkultur der Wertschätzung (auch gegenüber Verantwortungsträgern)? Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit oder weniger Wachstum scheint mir manchmal eine ziemlich ausgeleierte und einseitige Dogmatik zu sein (wiederum etwas, was man den Evangelikalen gerne vorwirft). Dass man die Welt auch auf anderen Wegen schöner und reicher machen kann – diese Erkenntnis würde ich mir häufiger wünschen.
    – Ich glaube, der von euch gewünschte Dialog zwischen den verschiedenen politischen Flügeln im Christentum würde sich einfacher gestalten, wenn ihr auch mal eure eigene Seite kritisch beleuchten würdet. Momentan kommt es so rüber: „Natürlich haben alle ihre Berechtigung, ABER die Konservativen liegen falsch, weil …“

    Abgesehen davon war der Talk sehr aufschlussreich und einige Kritikpunkte konnte ich sehr gut nachvollziehen …

    1. Und dann erfindet der christliche Unternehmer eine Maschine zum Wassertransportieren und bei der Entlassung segnet er seine Wasserträger und sie alle danken ihm in Gottes Namen, dass sie nicht mehr Wasser tragen müssen.
      Sicher wäre es gut, die politische Diskussion in die Christenheit hineinzutragen, und ich finde Deine Ansätze zu einem christlichen Liberalismus (so fasse ich Deine Thesen zur Innovation mal verkürzt zusammen) durchaus diskussionswürdig. Denn – so sehr ich Innovationen und Erfindungen gutheiße – ob eine Perfektionierung dieses Wirtschaftssystems (sei es nun durch mehr Effektivität oder mehr Lohn) im Sinne Jesu sein kann, bezweifle ich.

      1. Danke für deine Antwort.

        Wenn wir ein Wirtschaftssystem finden, das den Menschen noch mehr Freiheit und Wohlstand ermöglicht als das jetzige, dann nur her damit! Auch in diesem Punkt würde ich jede Innovation begrüßen. Das gilt übrigens auch für das politische System.

        Zum Wasserträger: Ja, ich sehe die Problematik natürlich. Deshalb glaube ich auch, dass soziale Gerechtigkeit immer in den Fortschritt integriert werden muss.
        Aber seien wir doch mal ehrlich: In der westlichen Welt geht es der Unterschicht heute besser als zu jeder früheren Epoche. Das haben wir sicher den sozialen Kräften zu verdanken – aber definitiv auch dem Fortschritt sowie einer (protestantischen!) Arbeitsethik, die zu mehr wirtschaftlichem Erfolg geführt haben. Das eine schließt das andere nicht aus.
        Interessant finde ich übrigens das Konzept des “bedingungslosen Grundeinkommens”. Vordergründig eine total linke Idee. Aber einer der führenden Vertreter argumentiert, dass dieses Grundeinkommen erst zur jetzigen Zeit überhaupt denkbar ist, weil ein großer Teil der Arbeit durch immer effizientere Maschinen erbracht werden kann. Das heißt: Falls das so realisiert werden würde, dann müssten viele Menschen gar nicht mehr arbeiten und hätten trotzdem einen Lebensunterhalt.
        Man darf bei dieser Idee in vieler Hinsicht skeptisch sein. Tatsache aber ist: Dieser revolutionäre Armutsbekämpfer “Grundeinkommen” wäre ausschließlich dank technischem und wissenschaftlichem Fortschritt möglich.

        Ob Jesus das gut findet? Ich bin äußerst vorsichtig damit zu spekulieren, wie Jesus Dinge heute beurteilen würde. Das ist anmaßend. Und das sage ich als Vollblut-Charismatiker! Aber mein Bibelverständnis ist, dass Gott eine extrem spannende Welt geschaffen hat, die wir entdecken und erforschen sollen. Und mit seinem schöpferischen Geist dürfen wir sie zivilisatorisch gestalten. “Die Erde Untertan machen” im besten Sinne also …

        1. Und ich sehe ganz und gar nicht, dass die Welt so viel besser geworden ist. Krieg und Armut und Megareichtum und Extremismus – daraus freilich Fortschrittsfeindlichkeit abzuleiten, wäre das falscheste von der Welt. Aber eine solide Analyse, von wo dieser Fortschritt ausgeht und wie das Fortschreiten funktionieren soll (im Moment nämlich werden die Menschen eher fortgeschritten, als dass sie selbst fortschreiten), wäre sicher auch aus christlicher Perspektive interessant.

          Im Übrigen finde ich die anmaßende Frage: Was würde Jesus zu Dingen heute sagen? die wichtigste überhaupt. Immer wieder fragen: Was würde Jesus zu dem sagen, was ich tue, sage, denke. Zu meinem Lebensentwurf. Sagt ein Vollblut-Charismatiker.

    2. Hallo Taimou,
      hey, freut mich, dass Du Dir diese ältere Sendung angehört hast 🙂

      Und danke für Deinen tollen Kommentar. Ich finde Du bringst da ein paar wirklich gute Punkte zur Sprache. Grundsätzlich finde ich diese Rechts-Links-Abgrenzerei genauso wenig hilfreich wie du. Ich glaube, einer der Gründe, warum wir bei Hossa Talk eher die “Linken” markieren, ist natürlich, dass wir deren Ansätzen und Anliegen näher stehen als den konservativen. Der andere Grund ist wahrscheinlich, dass wir damit provozieren wollen. Wenn die evangelikale Welt sich politisch divergenter geben würde/ “dürfte”, hätte ich hier vielleicht auch weniger das Gefühl, “mal auf den Putz hauen” zu müssen…

      Eigentlich sehe ich das nämlich wie Du (oder so wie ich dich verstanden habe): Wir sitzen im selben Boot und brauchen die Perspektive der anderen Seite. Oder, um es postmodern zu formulieren, so viele Perspektiven, wie wir kriegen können. Der konservative Blick hat etwas wichtiges für sich und genauso ein progressiver. Ich wünsche mir sehr, dass wir nicht mehr so sehr an unseren unterschiedlichen Positionen Wohl oder Wehe festmachen, sondern lernen voneinander zu lernen und miteinander daran zu arbeiten, dass Gottes Reich in der Welt sichtbar wird (auch wenn manch einer das vielleicht nicht so nennen würde).

      Ich bin zB total frustriert darüber, dass es in der gesamten Abtreibungsdebatte anscheinend unmöglich ist, außerhalb von Lagern zu denken. Die jeweils andere Seite wird mit einem Pakt mit dem Teufel gleichgesetzt. Dabei glaube ich, dass man durchaus gemeinsamen Boden finden könnte, wenn man nicht gleich die Alles-oder-Nichts-Karte zöge. Ich kenne zB nur wenige Abtreibungsbeführworter, denen es egal ist, ob Kinder abgetrieben werden. Die meisten von ihnen geben zu, dass es eine gute Sache wäre, wenn man (ohne das Recht abtreiben zu dürfen anzutasten, versteht sich) Abtreibungen reduzieren würde. Deshalb setzen sich ja viele von ihnen für die kostenlose Vergabe von Verhütungsmitteln und einer frühen Sexualaufklärung ein, weil sie glauben (was ich überzeugend finde), dass das die Zahl der ungewollten Schwangerschaften reduzieren wird. Das Ziel “weniger Abtreibungen auf deutschen Boden” hätten demnach eigentlich beide Gruppen. Trotzdem ist ein gemeinsames DARAN arbeiten anscheinend unmöglich. Wenn wir hier das gemeinsame Boot, in dem wir sitzen, erkennen könnten, dann könnten wir uns zumindest in dieser Frage zusammensetzen und gemeinsame Lösungswege DIESER FRAGE erarbeiten. Und wenn als Resultat weniger Kinder abgetrieben würden, wäre das erreicht, was sich beide Seiten wünschen. Etwas mehr Pragmatik und etwas weniger ideologische Gräben wären da (auf beiden Seiten) hilfreich, denke ich.

      Aber das nur so als Beispiel.

      Du schreibst: “Ich glaube, der von euch gewünschte Dialog zwischen den verschiedenen politischen Flügeln im Christentum würde sich einfacher gestalten, wenn ihr auch mal eure eigene Seite kritisch beleuchten würdet. Momentan kommt es so rüber: „Natürlich haben alle ihre Berechtigung, ABER die Konservativen liegen falsch, weil …“”

      Das nehme ich erst mal mit. Ich denke, da ist schon was dran… Äh, danke. 🙂

      Wie gesagt, ich habe das Gefühl, dass ich erst mal dafür kämpfen muss, dass ich bestimmte Positionen überhaupt vertreten darf, ohne nicht gleich als abgefallen zu gelten… Ist vielleicht ein bisschen übertrieben gesagt, aber Du weißt vielleicht, was ich damit meine. Und das “die eigene Seite kritisch beleuchten” gilt doch aber wohl für uns alle, oder?

      Hossa Talk ist unsere Art, uns auf den Weg zu machen, geistliche, politische und sonstwelche Fragen möglichst offen zu bedenken. Danke, dass Du mit Deinem Kommentar dazu beigetragen hast.

      LG,
      der Jay

      1. Danke für die schnelle und ausführliche Antwort, Jay.

        Du schreibst:
        “Wenn die evangelikale Welt sich politisch divergenter geben würde/ “dürfte”, hätte ich hier vielleicht auch weniger das Gefühl, “mal auf den Putz hauen” zu müssen…”
        Das kann ich sehr gut verstehen. Mir geht es in einem anderen Kontext ähnlich. Ich tummle mich sehr viel in den “gehobenen” Mainstream-Medien (z.B. ZEIT, Spiegel, Heute, …) und humanistisch geprägten Bildungskreisen. Und genau da fehlt mir ebenfalls die “politische Divergenz” – nur eben umgekehrt. Da scheint vorausgesetzt zu werden, dass jemand, der ein bisschen denken kann, automatisch für mehr Zuwanderung, für Europa, gegen PEGIDA (nein, ich bin auch nicht dafür – das muss man immer extra dazusagen!), gegen die US-Republikaner, für Conchita Wurst sein muss. Und den Klimawandel hat er gefälligst als Nr.1-Problem unserer Zeit anzusehen. Da fühle ich mich mit meinen vermeintlich konservativen Ansichten oft wie ein Revoluzer. Aber manchmal vertrete ich sie eben auch nur aus Prinzip, um quasi das Meinungsspektrum vollzumalen.
        Ein Grund, weshalb ich gut finde würde, wenn sowohl die Linke als auch AfD/Alfa im Bundestag vertreten wären. Je mehr Divergenz, umso gesünder für die Demokratie.

        Du schreibst:
        “Und das “die eigene Seite kritisch beleuchten” gilt doch aber wohl für uns alle, oder?”
        Ja. Ich muss zugeben, dass Kritikfähigkeit in unseren charismatischen Kreisen (in denen ich mich hauptsächlich bewege) nicht unbedingt zu den meisterstrebten, machtvoll ausgeübten Charismen zählt. Da haben wir noch eine Menge zu entdecken.

        In diesem Zuge ein Themenvorschlag für einen Hossa Talk: Kritik.
        Wem gegenüber darf/soll ich sie ausüben? Ist es überhaupt zulässig, eine Bewegung zu kritisieren, die mir gar nicht am Herzen liegt? Von wem sollte ich Kritik annehmen? Wo ist die Grenze zum destruktiven Negativ-Reden?
        Ich bin sicher, da würde es Spannendes zu besprechen geben.

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