21 thoughts on “#127 Was ist guter Lobpreis, Albert Frey? – Wie musikalische Anbetung sein kann und wie sie manchmal leider ist

  1. Beeindruckender Talk. Eine gute Chanse A. Frey besser kennen zu lernen und sein Bezug zum Lobpreis. Generell der Talk und kritische Anmerkungen haben mir sehr gefallen. Stimme spontan lediglich zu 85% mit euch über die “Lobpreissituation” überein aber ich muss eh nochmal drüber nachdenken und dann sind es vielleicht 89% 😛 😉
    Oder vielleich liegt es noch daran, wel ich noch nicht so alt bin wie ihr 😉

  2. “Ich hab mir geistlich richtig den Magen verdorben, ich glaub, ich muss gleich kotzen!” Herrlich!!! So hab ich den gar nicht eingeschätzt.

  3. https://open.spotify.com/track/39nw2tt8enJ2hJVsrM4D9e?si=gEwQDbIBT1-4JtweDSJCcg

    Ich musste an Kevin Prosch denken, dessen Musik mich vor 20 Jahren sehr berührt hat. Er hat sehr viel Gegenwind bekommen für seine ehrliche Lyrik. Mich hat er damit am tiefsten Punkt meiner Seele abgeholt. Dieser Song berührt mich auch heute noch.

    Ich bin Menschen wie ihm und euch dankbar, die mutig neue Wege gehen und die Augen nicht vor schwierigen Themen verschließen. Die scheint es – trotz Sonne – überall zu geben… 😎

  4. Toll…. hat mich an viele gute Zeiten auf meiner Gaubensreise erinnert. Die Bilder mit König, Schwert und Ehre habe ich immer mit einem hingebungsvollen und dienenden König, der auch für die gute Sache leidet, verbunden. Naja mein Nickname zeigt ja auch, dass ich was mit epischen Bildern anfangen kann. Da kommt nun mal bei aller demokratischen Gesinnung keine Parlamentarische Mehrheit mit. Es spricht was ganz anderes in mir an… Eine Ursehnsucht. Was nicht zum dominieren und manipulieren benutzt werden sollte, aber wie ich finde, doch anerkannt sein darf. Übrigens löst der Vergleich mit Horsemanship ganz ähnliche Emotionen bei mir aus.
    Auf jeden Fall bin ich irgendwie froh, dass es nicht nur Zweifel und Dekonstruktion gibt oder auf der anderen Seite so glatte Antworten.und funktionierende Konzepte … was beides etwas einseitiges hat Sondern diese epischen Bilder , und wenn jemand dann noch so poetische Worte dafür findet, und noch so einen guten Umgang damit, dann ist das absolut bereichernd für die Christenheit. Ein ganz unglaubliches Lied fand ich auch “Urklang”… Ja Jay.. Da hab ich wirklich Schwingungen gespürt. Der ganze Talk hat mir wieder richtig “Heimweh” gemacht…. nach Tiefe und so….. Vielen dank … es ist, finde ich Zeit, auch alte Wurzeln zu suchen, und wenn es echte Wurzeln sind, dann haben sie auch einen Pllatz verdient.
    Sonst haben wir bald so viele “no gos”, dass es genau so flach wird, wir das, was uns so genervt hat.

    1. Ach, Mickey, solang du die christliche Internationale mitsingen kannst, ist das ganz bestimmt kein Problem. 😆

  5. Ein ganz starker Talk – finde ich. Es hat mir sehr gut gefallen, dass nicht nur die “Einseitigkeit” der heutigen Lobpreismusik beklagt wurde, sondern auch die positiven Aspekte und die geschichtliche Entwicklung dieser Musikrichtung herausgestellt wurde. Albert Frey hat das Thema nicht ohne Selbstkritik, aber doch mit Sensibilität, Weisheit, Erfahrung, geistlichem Tiefgang und gesundem Menschenverstand behandelt. Großes Lob! Und Jay und Gofi haben ihre Sache wieder einmal gut gemacht. Ich gehöre ja zu einer großen, pfingstlichen Gemeinde, in der die Musik à la Hillsong absolut dominiert. Ich freue mich darüber, dass bei uns Sonntag für Sonntag kirchenfremde Leute im Gottesdienst sind und sie häufig besonders durch unsere Musik stark berührt und auf den Glauben hin angesprochen sind. Trotzdem vermisse ich die musikalische Vielfalt – instrumentale Musik (toll im Talk herausgestellt!), Klassik, den Choral, das Evangeliumslied, Gospels und Spirituals, Hardrock etc. . Vielleicht liegt das ja daran, dass mich in meinem immerhin schon einige Jahrzehnte umfassenden Leben mit Jesus verschiedene Musikarten und -stile positiv geprägt haben. Glücklicherweise habe ich noch viele auch fromme Schallplatten aus den letzten 50 Jahren… 😉

    1. Ich denk, wie Lieder auf einen wirken, ob sie einen nerven, überfordern oder abholen und auf eine tolle Weise “upliften” hat ganz viel mit dem Kontext zu tun… eigenen Bildern, wie in der Gemeinde das Christsein gelebt wird und auch ganz arg mit dereigenen Situation und waß man für eine Gottesvorstellung hat.
      Ich bin ja jetzt in der Landeskirche und da sagen viele Leute, das sie die worshipLieder, die wir da einmal im Monat an einem Abendgottesdienst singen, total mögen. Das ist wahrscheinlich bei uns postcharismatikern alles mit schlechten Erfahrungen und einem eigenen unreifen Umgang vermischtt Erst idealisiert man alles und hängt selbst dem schwarz-weiss Bild an… fühlt sich als “die Guten” im Gegensatz zur bösen Welt.. und dann hatte man den eigenen glauben und auf einmal ist es oberpeinlich, was man mal lautstark proklamiert hat. Das war diese turbocharismatische zeit und bestimmt ist z.b. das Lied:” our God” nicht so pralerisch gemeint, wie es vielleicht manche singen oder hören . Sondern eher begeistert, dass da einer kam, der komplett anders ist. Eben voller Liebe.
      Stärker als die Herausforderungen und Feindseligkeiten, und all das Leid. … Am Ende siegt die Liebe… Ohne Gewalt.

      Das war mir echt wichtig zu schreiben. Vielleicht sollten wir viel stärker auf die suche gehen, warum jemand ein Lied (oder ein spektrum ) mag oder hasst…Das würde bestimmt ziemlich überraschend ausfallen.

      1. Du sprichst mir aus dem Herzen.
        In Zeiten einer Depression habe ich Feiert Jesus – Lieder rauf und runtergehört als Überlebenshilfe. Gott ist da und größer als meine Verzweiflung und wenn ich auch nichts spüre, lasse ich mich von den Liedtextern und Anbetern mitnehmen.
        Nach meiner Trennung bin ich noch eine Zeit lang in den Gottesdienst gegangen um wenigstens in der Lobpreiszeit noch das Gefühl zu erleben, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
        In einer neuen Gemeinde konnte ich in der Lobpreiszeit “fühlen”, dass Gott mich liebt, dass “our God” größer als meine Situation ist und ich Grund zur Hoffnung habe. Hier konnte ich mich fallen lassen, weinen. Musste nicht die “Starke” sein.
        Nach Enttäuschungen und schlechten Erfahrungen mit “Geschwistern” waren worship-Lieder die einzige Möglichkeit für mich noch an Gott dranzubleiben. Klagen konnte ich zu dieser Zeit noch nicht, dazu war mein Vertrauen in Gott nicht stark genug. Da hat der Mainstream gepasst.

  6. 👍 Thanks for this, brother! Überhaupt nicht ketzerisch, sondern nur wahr. Warum nur 170 Aufrufe für diesen geilen shit? Love and Peace, Daniel

  7. Wie schön! Ich hab sehr gerne zugehört, so einem ruhigen und reflektierten Menschen, das hat richtig Freude gemacht.
    Ich habe lange Zeit keine geistlichen Lieder mehr gehört und gesungen. Jedes Mal hatte ich einen Kloß im Hals und sie waren so weit von dem entfernt, was sich in meinem Leben abgespielt hat.
    Mitten in meiner Dekonstruktionsphase bin ich zufällig auf Sefora Nelsons Lied „Zeig mir dein Gesicht“ gestoßen (oder vielmehr auf die italienische Version „Dimmi che ci sei“, die ich vom Text her noch schöner finde) und es hat mich durch meine vielen Jahre Zweifel und Nicht-Glauben getragen. https://www.youtube.com/watch?v=zVTqpl-rkTA // https://www.youtube.com/watch?v=BncqNjvLkSc

    Sie hat noch mehr Lieder geschrieben, die mich oft berühren und mir aus dem Herzen sprechen, z.B. „Das hat die Welt noch nicht gesehn“ (ital.: Il mondo non ha visto mai) oder „La tua grazia“

    Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn die christliche Musik der Zukunft weniger Herrlichkeit und mehr Realität hätte und auch den Schwachen, Zweifelnden und Mutlosen Raum gibt und sie nicht niederschreit.

  8. Ein spannender Talk mit einer Fülle an klugen und überraschenden Gedanken, so dass ich mir das gleich zweimal anhören musste. Sonst wäre mir glatt beim eigenen Nach-Denken manches entgangen.
    Zu einigen Punkten möchte ich ein paar Anmerkungen loswerden:
    1. Albert Frey meinte, dass eine “Desidentifikation mit Musik im Alter” stattfinde, man “brauche das dann nicht mehr so” und “mit der eigenen Aufgabe so identifiziert zu sein”, sei im Alter schwierig. Dem kann ich (inzwischen 61 und mein ganzes Leben lang mit sehr unterschiedlichen Stilen von Musik im Gottesdienst unterwegs) nur bedingt zustimmen. Ja in Bezug auf die eigenen Ambitionen, auf das eigenen Geltungsbedürfnis vielleicht, wenn es zutrifft, dass das Älterwerden verursacht, dass ich mich und meine Person und das Streben nach Anerkennung durch andere Personen wirklich mehr zurücknehmen kann. Aber eindeutig Nein, wenn es bedeutet, dass ich mich selbst nicht mehr voll und ganz mit dem, was ich in der Musik tue, identifizieren kann und sollte. Ich denke, es ist eine Frage des Auftrags, der Berufung: Wenn ich denke, dass sich an der grundsätzlichen Berufung, zum Lobe Gottes und zur Freude der Menschen Musik zu machen, nichts geändert hat, wüsste ich nicht, warum ich nur auf Grund des Alters mit dem, was ich da tue, weniger identifiziert sein sollte. Ich muss immer wieder neu fragen, ob dieser Auftrag noch steht, aber nur das Alter allein stellt das doch nicht in Frage .
    2. Ihr habt ein großes Problem moderner Lobpreismusik angesprochen, die den Beter einzig in die Position des Lobens und Preisens zwingt. Ich hab früher auch viel traditionelle Kirchenmusik gemacht und weiß daher, wie so viel vielfältiger die Texte und Themen alter Choräle etc sind. Und wenn ich heute Lieder suche, mit denen ich Gott meine Verzweiflung, meine Not, meine Fragen und auch meinen Zorn sagen kann, dann kehre ich persönlich oft zurück zu Bach u. Co. (die alte knorzelige Sprache stört mich dann nicht so)
    Tatsächlich kenne ich mehrere Menschen, die in Krisenzeiten der Gemeinde und teilweise auch Gott den Rücken gekehrt haben, weil ihre Gefühle weit entfernt vom Loben und Preisen dieses oft so unverständlichen Gottes einfach nirgendwo vorkamen. Und ihnen für das Liebesgesülze jedes Verständnis fehlte.
    Jeder, der Lobpreismusik im Gottesdienst macht, kennt diese Problematik, und doch ist es unheimlich schwer, daran etwas zu verändern. Du hast 3 oder je nach Godi-Format 5 Lobpreislieder Zeit – wie soll sich da jeder in jeder Lebenssituation drin wiederfinden können? Ich hab schon oft gedacht, dass wir eigentich zwei Lieder-Blocks bräuchten, entsprechend der Liturgie traditioneller Godis: Erst Leid und Schuld usw. klagen und um Gottes Hilfe und Erbarmen bitten, dann Loben und Danken über die großen Taten unseres großen Gottes.
    Aber: die Zeit des Gottesdienstes ist eben begrenzt

    3. Eure Lied-beispiele “Anker in der Zeit” und “Gott, du bist größer” zeigt mir mal wieder, wie unterschiedlich wir oft die gleichen Dinge wahrnehmen und bewerten – und dass wir immer in Betracht ziehen müssen, dass etwas, was wir persönlich schrecklich finden, bei jemand anderem ganz andere Assoziationen auslöst: Auf den “Anker” bin ich gestoßen, als wegen meiner Scheidung mein ganzes Leben zusammen brach und ich auch eine neue Gemeinde suchen musste. Sicher braucht niemand viel Phantasie, um sich vorzustellen, was dieses Lied in einer Zeit des Chaos und Zusammenbruchs meiner Welt für mich bedeutet hat – und warum ich es auch heute noch voll Dankbarkeit singen kann.
    Und “Gott, du bist größer” war für mich nie als Abgrenzung zu anderen Religionen gemeint, sondern ER ist größer als meine Angst, meine kleinen Bemühungen um Liebe und Vergebung, größer als aller Hass und alle Verzweiflung. Wenn Gott für uns ist, wer sollte gegen uns sein?

    4. Ihr kritisiert den ganzen “Uplifting-Scheiß”, die romantischen Liebeserklärungen an Gott und die Formulierung “wir wollen”, aber ist das nicht einfach das grundlegenden Problem, dass du nie Texte finden kannst, die für alle passen? Oder anders herum: Dass es immer Leute gibt, die da voll drauf abfahren, während anderen zum kotzen zumute ist? Ich fühle mich durch so eine Wollens-Aussage gar nicht “unter Druck gesetzt”, sondern drücke damit meinen ehrlichen Wunsch aus, Gott begegnen zu wollen – trotz meiner Unzuverlässigkeit. Ich bin weg von der romantischen Gefühlsduselei und treffe eine Entscheidung: Ja, ich will. Und ich weiß, Gott reicht mir die Hand , auch wenn ich wieder loslassen sollte.

    5. Jay sagte, er habe ein Problem mit der “kollektiven Motivation durch Lobpreis”. Lieber Jay, darf ich dich daran erinnern, dass du in einem früheren Talk gesagt hast, dass wir grade im Gottesdienst wieder von der Versammlung einzelner Individuen, die ihre Individualität betonen, wegkommen müssen zu einem echten Gemeinschaftserlebnis? Du selbst hast da das Beispiel aus der Musik angebracht, dass die Gemeinschaft dann entsteht, wenn wir miteinander Musik machen und dabei jeder den anderen wahrnimmt? Ich glaube, dass das im Lobpreis auch oft passiert, dass ich mich im positiven Sinn mit den anderen verbunden weiß, dass ich bei bestimmten Texten an bestimmte Menschen denke, oder einfach das Bewusstsein, nicht allein zu sein. Danach besinne ich mich sicher wieder auf meinen persönlichen Standpunkt, auf das, was ich anders sehe als andere (was ich ziemlich oft tue), aber in diesen Momenten kann ich alles Trennende vergessen und als Teil von dieser Gemeinschaft vor Gott sein. Und das finde ich schön.

  9. Ich habe es nun auch gehört, danke, hier meine Gedanken:

    1. Ein passendes Simpsons-Zitat zum Thema: „Statt Lobpreis machen so und so jetzt Popmusik, das war gar nicht schwer, sie mussten einfach „Jesus“ durch „Babe“ ersetzen.”

    2. Auf der anderen Seite, wenn ich mir Popsongs wie „Du bist das Licht“ von Gregor Meyle anhöre, dann wird der „Angebeteten“ die Rolle der bedingungslos Liebenden zugewiesen, die sie aber gar nicht erfüllen kann, weil nur Gott bedingungslos liebt – wenn man in diesem Fall „Babe“ durch „Jesus“ ersetzen würde, wäre das ein 1A-Lobpreislied.

    3. Von modernen Lobpreislieder würde ich mir dann aber auch wünschen, dass sie nicht in der Ich-Perspektive hängen bleiben (von wegen „Oh, wie sehr ich dich liebe!“ gleich eigentlich: „Oh, wie sehr ich mich dafür liebe, dass ich so viel Liebe für dich empfinde!“), sondern, wie so viele alte Kirchenliedern, von den Taten Gottes erzählen, damit einem beim Singen wieder bewusst wird, warum man Gott liebt.

    4. Und das würde auch noch den Punkt ansprechen, dass wir alle nicht nur eine, sondern sehr viele Stimmen in uns haben, die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich laut sind. Lobpreis hat m.E. auch die Aufgabe, in uns die Stimmen des Glaubens wieder zum Erklingen zu bringen, die in Zeiten, in denen wir am Leben und an Gott verzweifeln, am Verstummen sind. Klagelieder darf es natürlich auch geben, aber mir persönlich hilft es mehr, wenn siehe Punkt 3, ich gerade in diesen Momenten daran erinnert werde, was Gott für mich getan hat.

      1. Ich hab zwar gerade noch die betreffende Simpsons-Folge gesehen, aber wir wären nicht bei Hossa Talk, wenn ich die Wahrheit allein für mich beanspruchen würde. Von daher, meinetwegen gibt’s die Szene auch bei South Park – ich bin da ambiguitätstolerant.

  10. Wow, bin total geflasht von diesem Talk. Danke!!
    Spontane Assoziation: Pferde und Menschen brauchen einander nicht. Doch es ist beglückend und erfüllend, wenn sie durch eine gute Bindung Freude aneinander haben, ihr Miteinander genießen.

    Ich habe das Glück, zwar kein eigenes Pferd zu haben, doch auf einem Hof mithelfen zu dürfen und Schulpferde zu kennen und mit ihnen Unterricht zu nehmen. Neulich habe ich unsere Paula aus ihrer Dreier-Herde herausgeholt und auf dem anliegenden Reitplatz mit ihr gearbeitet. Wir haben erst kommuniziert („Unterhaltung“ mittels Pferdevokabeln zwischen Mensch und freilaufendem Pferd), dann am Boden gearbeitet (Pferd aufgehalftert und am Führstrick, ich mittels Führstrick und später Gerte als verlängertem Arm). Paula hat mir in der Kommunikation ihre Bereitschaft zur gemeinsamen Arbeit gezeigt. Unsere „Arbeit“ hat mir Spaß gemacht und ich hatte auch einen guten Eindruck von ihr. Abschließend habe ich sie zur Belohnung geputzt, was sie sehr genossen hat. Bei der Rückkehr in ihren Auslauf wurde sie kurz von den beiden anderen Pferdedamen beschnuppert, dann stellte sich Sally an die Stangen (Ausgang) nach dem Motto „Gell, jetzt bin ich dran. Nimm mich mit!“ Sie hatte dann auch eine gute Einheit auf dem Reitplatz mit dem Menschen, der sie rausholte und prompt stellte sich bei Sallys Rückkehr Ginny an die Stangen „Jetzt will ich aber auch raus auf den Platz und eine gute Zeit mit einem Menschen verbringen“.

    Woher kommt das? Pferde sind als Fluchttiere darauf angewiesen, Situationen entschlüsseln und bewerten zu können. Kommt da ein Tiger oder eine Maus? Ist mein Gegenüber vertrauenswürdig, passt mein Gegenüber auf? … Kommt ein Pferd nach dem Miteinander mit einem Menschen zurück in die Herde, wird es „gescannt“, in welcher Verfassung es zurückkommt. Mein Beispiel zeigt, dass Pferde das Miteinander mit Menschen schätzen lernen können, wenn Wert auf Bindung gelegt wird. Leider gibt es Menschen, die Pferde (und andere Tiere und auch Menschen) benutzen. Das hat nichts mit einem Miteinander, mit Respekt und Wertschätzung für das Gegenüber zu tun.
    Gott als pure Beziehung hat uns Menschen geschaffen, ohne uns zu brauchen, aber um Gemeinschaft mit uns zu haben. Doch eine Bindung entsteht nur durch gemeinsam verbrachte Zeit. Die Lobpreiszeit gibt musikalisch einen Raum für eine Zeit mit Gott. Sie darf daher nicht stecken bleiben im Lob und dem Preisen von Gottes Eigenschaften, sondern muss Raum zur Klage geben, Raum für Zweifel und Fragen. Das können einzelne Lieder im Verlauf eines Gottesdienstes nur bedingt leisten, je nach Thema des Godis oder der Predigt. Lobpreisleitung und –band stehen in der Verantwortung, diesen Raum zu “schaffen”. Dieser Verantwortung müssen sich die beteiligten Personen stellen, da ist eben kein Raum für „an die Wand lobpreisen“, „Lieder nur runtersingen“, „Selbstbeweihräucherung“. Die Haltung aller Beteiligten sollte geprägt sein von Respekt und Wertschätzung. Das habe ich sowohl erlebt als auch vermisst. Übrigens bezieht sich diese Aussage nicht nur auf die „vorne“, sondern auch auf die Gemeinde. Wenn ich mit der Lobpreiszeit persönlich nichts anfangen kann, muss ich mein Desinteresse nicht breit durch mehrfaches Gähnen mit offenem Mund zur Schau stellen oder durch Quasseln. Wenn ich vorne von der Dynamik der Musik erfasst werde, muss ich nicht „abgehen“ ohne Rücksicht auf die Gemeinde. Wenn im Laufe der Lobpreiszeit ein Lied wiederholt und ein anderes spontan weggelassen wird (Freiheit, Inspiration), muss ich als Moderator/in nicht beleidigt auf den Gottesdienstablauf hinweisen. Wenn ich als Lobpreisteam meine, ein Lied zur Abwechslung mal anders als gewohnt spielen zu müssen, sollte ich die Gemeinde bzw. die mit geschlossenen Augen Singenden darauf hinweisen oder Folien entsprechend umgestalten … .

    Ich habe umzugsbedingt in verschiedenen Gemeinden erlebt, dass Respekt und Wertschätzung für den Anderen, die Andere, das Andere häufig keinen Platz in Gemeinde hat. Doch liebt Gott nicht die Vielfalt? Sind wir nicht Teil einer Schöpfung, die so unglaublich vielfältig ist, dass mir die Worte fehlen?
    Nehmen wir Menschen uns nicht viel zu wichtig und stellen uns häufig über die Schöpfung, statt uns als Teil dieser Schöpfung zu begreifen??
    Pferde sind für mich ein Geschenk Gottes . Als Geschöpf mit vielen Facetten, nicht allein als Reittier, eben Kamerad (bei uns auf dem Hof auch Arbeitskollegen). Was die meisten Menschen nicht wissen, ist, dass Pferde uns Menschen durchschauen und unser Inneres spiegeln. Ich lerne viel von ihnen über mich selbst, meine innere Haltung. Nicht umsonst werden Pferde nach wie vor überwiegend gefügig gemacht mit Hilfsmitteln, wie du, Albert, ja erwähnst. Es ist ein Wagnis, sich einem Pferd zu stellen (ohne Zäumung). Nicht wegen einer Gefahr, sondern weil zutage kommen könnte, dass ich längst nicht so selbstsicher bin wie ich auftrete (und wie es mir von Mitmenschen abgekauft wird). Eine Bindung zwischen Pferd und Mensch entsteht durch Freiheit in einem begrenzten Raum. Bindung erfordert ein Sich-Einlassen auf mein Gegenüber, im Fall des Pferdes ist unerlässlich, sich mit seiner Natur, seinem Wesen zu beschäftigen. Fluchttier, Herdentier. Doch wir dürfen nicht stehenbleiben beim reinen Wissenserwerb. Es gilt, ins Erleben zu gehen. Pferde haben keine Chance die menschliche Sprache zu lernen (um zu agieren), doch wir Menschen haben die unglaubliche Chance, uns im Miteinander mit ihnen der Pferdevokabeln zu bedienen. Wir lesen Botschaften des Atems, der Haltung des Kopfes, des Schweifs, der Ohren, der Nüstern … . Wir senden selbst Botschaften durch Atemgeräusche, Haltung beim Stehen, Gehen, Laufen, Körperpositionen. Wir lernen Klarheit und bestimmtes, nicht wankelmütiges, Auftreten.
    Die Belohnung ist ein Pferd, das uns vertraut, das uns schätzt und das durchaus eine Meinung hat. Manchmal ist das schwer zu ertragen: „Ich will jetzt nicht von dir gekrault werden.“

    Vom Umgang mit Pferden können wir so viel lernen über Bindungen, zu Mitgeschöpfen, zu anderen Menschen, zu Gott.
    Respekt. Wertschätzung für und Neugierde auf mir erst mal Fremdes. Brücken schlagen über spielerischen Umgang miteinander. Klarheit in unserem Auftreten, unserem Reden und Handeln. Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls. Die Erkenntnis, dass ohne gemeinsam verbrachte Zeit keine Bindung möglich ist. …
    Und nicht zuletzt die Einsicht, dass das Einsetzen von „Zuckerbrot und Peitsche“ nur zu einem konditionierten Verhalten führt (Pferde reagieren auf Leckerlis anders als Hunde), nicht aber zu echter Bindung.
    Liebe Grüße an Andrea und weiter viel Freude am Umgang mit euren Pferden!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.