#198 Von der Ausgrenzung zur Umarmung (SONDERFOLGE) m. David Gushee

Oder wie queer darf Kirche sein? Über Postevangelikalismus und den freien Fall der amerikanischen Demokratie

20 Kommentare zu „#198 Von der Ausgrenzung zur Umarmung (SONDERFOLGE) m. David Gushee“

  1. Lieben Dank für diese Folge und das Interview mit David Gushee. Als Ex-Evangelikale transfeminine Frau frage ich mich doch immer warum meine Existenz diese große Fragen und Hass aufwirft bei meinen evangelikalen Freunden und Familie, auch wenn es gerade keine begründeten Bibelstellen gibt und man trotzdem abgelehnt wird. Und es nicht nur darum geht nicht am Abendmahl teilnehmen zu können sondern von der eigenen evangelikalen Familie nicht mehr ernst genommen und verleugnet wird?! Das man diesem Hass und Unverständnis nicht nur täglich auf der Straße, am Arbeitsplatz und in der Deutschen Gesellschaft begegnet, sondern dann auch in der eigenen Christlichen Familie und Gemeinschaft?! Was kann sich hier fundamental ändern in unseren evangelikalen Gemeinden?

    1. Hallo, Tess,
      Ich hab wohl leider meine Antwort an dich nicht richtig abgeschickt, aber nun bekommst du halt Version2:
      Ich glaube dass der Hass, bzw. Das Unverständnis psychologische Gründe hat, die sich mit einer speziellen Bibelauslegung und Vorstellungen, was christlicher Weise gar nicht geht, immerzu gegenseitig verfestigen. Bei deinen Eltern ist sicher die Angst, was falsch gemacht zu haben, und dass du nicht auf dem richtigen Weg bist und auch die Angst, dass dir selbst schadest. noch ein grosses Problem. In der Gesellschaft eher eine Hartherzigkeit gegen Leute, die einfach anders sind und nicht in ihr Denkschema passen.
      Wie David Gushee von sich erzählt, ist er auch einen längeren inneren Weg gegangen… Also, möglich wäre es, dass sich auch deine Gemeinde verändert… Scheint aber noch nicht gerade spürbar zu sein.
      Ich würde dir jetzt raten, dir sichere Orte, sichere Menschen zu suchen,,, (z. B. Über Zwischenraum) und nicht so viel Erwartung auf die Leute zu legen, die erst noch ihre Hausaufgaben machen sollten, wenn sie das überhaupt tun… … So schwer es ist, solange der Prozess womöglich noch nicht mal begonnen hat, werden sie dich immer wieder verletzten.
      Vielleicht möchtest du sie verändern… Logisch.. Und vielleicht auch gut… Nur schau auch auf dich selber in der Zeit. Solange jemand in einem Prozess ist, bist du auch immer „das Thema“… Aber du must auch Leute haben, für die du einfach ein wertvoller Mensch bist.

      Ich wünsch dir Gottes Nähe und gute Begleiter auf dem Weg.

      Caro

      1. Hallo Caro,

        das finde ich einen wirklich guten Rat, auch wenn er – wie du ja schreibst – schwer sein kann. Irgendwie ist man darauf gepolt, gerade von den Menschen verstanden und akzeptiert zu werden, die einem wichtig sind, mit denen man schon so lange unterwegs war. Wenn wir nicht menschliche Wesen wären, die sich halt nun mal emotional binden, dann könnten wir uns ja einfach umdrehen und dorthin gehen, wo man uns akzeptiert und wir uns sicher fühlen. Aber diese oft langjährigen emotionalen Bindungen sind sehr fest, gerade in Familie oder auch kleineren Gemeinden, wo viel Leben miteinander geteilt wird.

        Und freilich braucht es Zeit, bis unser Umfeld sich auch verändert. Wie du schreibst, haben sie oft Angst, manchmal um denjenigen, der halt anders ist oder sich verändert hat, manchmal aber auch um sich selbst und die eigenen Überzeugungen. Die Zeit, die man selbst gebraucht hat (z. B. wie David Gushee), sollte und will man ja auch anderen zugestehen. Aber manchmal wird es auch niemals passieren, dass dort Entwicklung passiert oder Verständnis wächst. Wenn es sich dann um Eltern oder Geschwister oder gute Freunde handelt, ist es besonders bitter.
        Vielleicht kann dann sogar die Resignation eine Art „Geschenk“ sein: dass man aufhören darf, zu kämpfen und Erwartungen zu haben. Zu erkennen: so ist es, auch wenn es traurig ist, kann sehr erleichternd sein.

        Ich finde es sehr mutig von David Gushee, dass er offen und ehrlich von seinem eigenen Prozess erzählt. Dass, wer A sagt, nicht lebenslang auch B sagen muss, sondern auch erkennen kann, dass A falsch war. Ich glaube, solche Menschen sind für manche Gruppen noch ärgerlicher als Menschen, die eh schon immer anders gedacht und geglaubt haben. Das ist ja eh die „verlorene Welt“, die man nicht so ganz ernst nimmt. Aber jemand, der einmal derselben Überzeugung war wie die Gruppe und dann nach reiflicher Überlegung und Erfahrungen seine Einstellung ändert, diese Menschen sind für die Überzeugungen einer Gruppe oft am „gefährlichsten“ und werden dann bekämpft oder gemieden, denn sie kennen ja all die Argumente der anderen Seite, weil es einst ihre eigenen waren. Und vielleicht haben sie auch die Ahnung „Der oder die wird nicht mehr zurückkommen.“ Das ist auch Abschiedsschmerz.

        Und dann ist es auch immer schwer zu ertragen, wenn man hört „Ja, so hab ich früher auch gedacht, aber jetzt hab ich mich davon gelöst“. Das hat so einen Beigeschmack von Weiterkommen und Entwicklung und „Du bist halt noch nicht soweit“ oder wie du es formulierst „du musst deine Hausaufgaben erst noch machen“. So richtig das ist (und ich sehe das genauso), es stellt ja irgendwie ein Gefälle her . Das liegt in der Natur der Sache und kann man auch nicht verhindern, dass das beim anderen so ankommt, selbst wenn man das gar nicht beabsichtigt.
        Ich kann mich erinnern, dass ich in meiner ziemlich evangelikalen Jugend mal eine Diskussion hatte mit einer eher liberalen evangelischen Theologin (da ging es glaub ich um die Rolle der Frau in einer heterogenen Ehe), die mir sagte „Ja, so hab ich auch mal geglaubt …“ Das hat mich damals ziemlich geärgert. Heute kann ich sie so gut verstehen!

        Ich frage mich, wie man solche Entwicklungen wie D. Gushee sie gemacht hat, seinen ehemaligen Glaubensgeschwistern schmackhaft machen kann. So wie ein Gymnasiast einem Grundschüler von den interessanten Fachgebieten seiner Schule vorschwärmen könnte ohne ihm das Gefühl zu geben, dass „er halt noch nicht so weit ist.“ Dafür muss man sich natürlich auch sicher sein, dass es sich überhaupt um eine positive Entwicklung handelt und nicht um einen Irrweg, was auch nicht immer ganz leicht ist.

        Ich wünsche Tess und David Gushee und allen, die sich irgendwie aus ihrem Rahmen herausentwickelt haben, viel Fingerspitzengefühl, Geduld und Barmherzigkeit im Umgang mit ihren Nächsten und immer auch das Gespür für die eigene Belastungsgrenze.

        Alles Liebe,
        Claudia

    2. Die Bibel sagt gar nix dagegen, daß sich jemand umoperieren läßt, wenn die Person das wirklich will.
      Ich habe den Verdacht, daß einige konservative Christen sich gar nicht allein an der Schrift orientieren, sondern an einem Begriff der sexuellen Perversion aus dem 19. Jhd., der auf den anti-theistischen Propagandisten Sigmund Freud und Krafft-Ebbing zurückgehen. Evtl. wissen sie das selbst nicht, woher ihre Gedanken kommen. Der konservative Soziologe Schelsky nannte solche Ideen „herabgesunkenes Kulturgut“.
      Alles Gute!

  2. Mir ist aufgefallen, dass der Ton bei den beiden neusten Folgen deutlich leiser ist als bei allen vorherigen. Er ist meines Erachtens nun etwas zu leise. Könnt ihr das ab der nächsten Folge berücksichtigen?

    Geht es nur mir so, oder ist es auch anderen aufgefallen? Da ich in der Gemeinde Tontechik mache, bin ich für sowas empfindlicher als andere.

    1. Hi, David!

      Kommst du zufällig aus dem Ort mit der PLZ 776**?
      Dann kannst du mir gerne Mal schreiben. Das würde mich freuen. Gruß, Daniel S.

  3. Hallo ihr Lieben, das war wieder mal eine super Folge! Toll von A bis Z…

    Wobei: Eine Frage wurde (meiner Erinnerung nach) nicht beantwortet: WIESO stürzen sich eigentlich alle Konservativen (nicht bloß die Evangelikalen in D und USA, sondern z.B. auch die russisch-orthodoxen, siehe Kyrill) ausgerechnet so auf das Thema Queerness? WIESO können in einer Gemeinde (wie David erzählt) Pazifisten und Kriegsbefürworter miteinander beten und reden, aber jemand, der anders liebt, wird rausgeschmissen? WIESO wird gerade um die Frage, wen und wie jemand liebt, so ein Bohei gemacht? Wahrscheinlich gibt es dafür tiefere psychologische Gründe, Angst vor eigenen (natürlich verdrängten) queeren Anteilen oder so etwas. Wäre noch mal spannend, das zu untersuchen.

    Fast ein bisschen rätselhaft für mich als alter Landeskirchler war, dass das Thema in Evangelikalien jetzt erst wirklich aufpoppt. In unserer lutherischen Kirchengemeinde haben wir schon vor mehr als 30 Jahren per Kirchenvorstandsbeschluss alle Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung als Mitglieder und Mitarbeitende herzlich willkommen geheißen. Umso schöner, dass das jetzt in der evangelikalen Szene auch allmählich möglich wird.

    Für mich am allerspannendsten war der Abschnitt über den Postevangelikalismus. Und Davids Aussage, dass 20 von 75 Millionen evangelikaler Christ*innen in USA in der postevangelikalen Richtung unterwegs sind, stimmt mich ein bisschen hoffnungsvoll. Vielleicht kann sich da allmählich auch etwas von der Verhärtung zwischen Reps und Demokraten lockern – es wäre so wichtig für die Welt!

    Und dann die Frage: Wo und wie können postevangelikale Menschen Gemeinschaft finden. Das ist, glaube ich, eine der wichtigsten Fragen für die Zukunft des christlichen Glaubens. Wird es physische Orte geben? Welche Rolle spielen Online-Räume – ist z.B. die Gemeinschaft der Hossarchisten eine Gemeinde? Und so fort. Super wichtige Themen – bleibt dran!

    In diesem Sinne: noch mal vielen Dank für dieses Interview und die ganze Folge (inklusive „Nachschlag“)!
    Liebe Grüße, Tilmann

  4. David Gushee soll ja schon seit langem Linksevangelikaler sein.
    Meine Fragen wären ganz andere gewesen als die im Podcast: Was sind seine Meinungen zu Ökonomie und Politik? Ist er Keynesianer? Warum? Was sagt die Bibel dazu?
    Die 25 Merkmale der Evangelikalen aus dem Buch wurden leider nicht vollständig aufgezählt. Ist das Schleichwerbung? Andy Stanley kenne ich nicht. Da bin ich wohl nicht evangelikal. Oder ist seine Liste USA-spezifisch? Wie ist das, wenn man schon was von Jeff Durbin gehört hat?
    Darf man aus postevangelikaler Sicht eigentlich Lesben-Pornos angucken? [;)]

    Alles Gute!

  5. Ich wünschte, ich hätte Euch 2005 schon gekannt. Wir haben parallel die gleiche Entwicklung durchgemacht, viele von uns, allein.

    In meiner Gemeinde, damals noch Fundi mit Nachwuchs zu YWAM, war man auf dem Trip mit den Landeskirchlern auf Augenhöhe zu sein, um sie zu drehen, studierte sie also und wurde dann selbst gedreht 😉 Ich zog erst später nach (und vielleicht vorbei…).

    Ich denke, Marco’s Frage zielt ins Richtige (in meinen Worten): Wie verhindern, dass vom Turn von Evangelikal zu Postevangelikal dort nicht das selbe in Grün läuft wie damals von „Fundi“ in „Evangelikal“?

    Meine Thesen:

    1. Lösung von der Schriftbindung:
    Ihr könnt mehr! Und das tut Ihr auch schon! Man muss nicht immer alles mit Brief, Kapitel und Vers begründen oder gegen einseitige Betonungen der Gegenseite die eigene einseitige Betonung benutzen! Wir haben einen Verstand und das ist wunderbar ( der gute Kant definierte so meines Erinnerns nach im Zwischenstadium seiner Zeit Aufklärung, dass man den gottgegebenen Verstand benutzt…).

    2. Loslösung von einer völlig unkritischen Jesus-Verehrung
    Scheidungsworte, Sünde gegen den Heiligen Geist, Tempelreinigung, seine Prädestinationslehre, völlige Übersteigerung einer im Judentum nur rudimentär angelegten Höllenlehre….
    Viele sagen, wir müssen die Pfaffen rannehmen. Ich sage, wir müssen Jesus kritisieren.

    3. Bewahrung des Christentums vor einem Sprung in die Irrationalität
    In meiner christlichen Blogger-Phase 2006 hatte ich immer irgendwie das ungute Gefühl, dass die Christen, die Soziologie und Philosophie studieren und viele Fremdworte benutzen doch auf was ganz anders aus sind. (Aber ich muss mich nicht beschweren: war damals noch Fundi und wurde durch sie gerettet…)

    4. Arbeitet an Euren Präambeln! Es kann nicht sein, dass Ihr Euch als Revoluzzer feiert, aber da steht drin die Bibel ist das Wort Gottes und Jesus ist für unsere Schuld Opfer. Das hält alte, schräge Stories unter der Eisdecke der Geschichte, auf dass sie über einen neuen Trump zu einer neuen Tyrannei eines neuen Calvins führen!

    Noch was zum Nachdenken: Die gefährlichsten Christen halte ich ab und an für die, die irgendwelche alten, durchgemogelten und -geretteten Altbestände besonders abfeiern ( und da nehme ich mich als teils doch noch konservativer Knochen und Ex-Christ voll mit rein…)

  6. Thorsten Kroll

    Vielen Dank an Julia und Tobias für die super Übersetzung – über einen so langen Talk und fast simultan. Krass!

  7. Julia Sandhäger

    Hallo Jay und Marco, und restliche Hossaler
    was mich schon eine Weile beschäftigt, seit ich eure Folgen höre und was ich mal als grundsätzliches Thema vorschlage oder dazu herausfordere:
    Zweifel am Glauben haben und das thematisieren können, sich darin wirklich verstanden wissen, das verstehe ich total, und auch, warum es guttut (auch mir immer mal wieder), eure talks zu hören, sich herausfordern zu lassen, nicht abgedroschene Antworten einfach ohne wirkliche Fragen zu geben…
    Gleichzeitig empfinde ich (und da fange ich erst mal ganz bei mir an!) darin tatsächlich oft eine Art „Flucht ins Theoretische“, quasi ein Jammern auf hohem Niveau, was eben wir Deutsche uns „leisten können“. Denn ich zB habe viele Kontakte nach Uganda, und zwar zu tiefglaubenden Menschen (sowohl aus katholischer als auch freikirchlicher Richtung) – und zwar tiefglaubenden Menschen in va momentan großer Not, da sie ja eh schon zu denen gehören, die fast nur Grundnahrungsmittel essen, und die werden gerade extrem teurer… Manches, was diese Geschwister glauben, ist „einfach gestrickt“ und aus unserer Sicht eben genau zum Zweifeln, zum Ausloten, zum Kritisieren…aber wir, also gerade wir komplizierten rationalen Typen brauchen das (und das kommt ja in eurer Folge gut raus!), und obwohl ich manchmal nicht alles genauso fühle oder spontan Zweifel an manchen Glaubensäußerungen habe, schätze und liebe ich dieses Glauben können meiner ugandischen Geschwisterund werfe mich da auch gerne mal mit hinein, ohne zu versuchen, sie zu meiner aufgeklärt rationalen Art „zu drehen“. Ich könnte viele meiner „typisch aufgeklärten, deutschen Gedanken“ gar nicht mit diesen wertvollen Menschen teilen, weil sie es schlicht nicht verstehen würden, oder mich sogar tatsächlich manchmal für „vom Weg abgekommen“ halten würden (und in aufrichtiger Liebe für mich beten würden!) – aber ich kann mit ihnen und für sie beten (selbst wenn ich manchmal daran zweifle, ob das was bringt), und ich kann spenden, damit sie wenigstens was zu essen haben, oder sich den Arztbesuch oder das Schulgeld leisten können, also sprich, ganz praktisch Schwester sein.
    Und ich leide gleichzeitig zutiefst darunter, dass ich hier mit durchaus vielen Christen sehr gut über den Glauben streiten oder austauschen kann (und, ganz ehrlich, da ist eine gute Kleingruppe / Hauskreis, die miteinander betet, Lobpreis macht oder Bibel liest von der Kategorie her gefühlt im selben Bereich wie eine Hossatalk-Regiogruppe, die intellektuell über Glaubensfragen redet), aber dass es dann doch bei der praktischen Hilfe ganz schnell Grenzen gibt. Alle finden es toll, wenn wir spenden, aber es ist so schwer, wirklich für gute und praktische Hilfsprojekte dauerhafte Spender zu finden… oder man hat das Gefühl, jeder spendet ja doch schon für irgendwas, die „braven Christen“ geben ihren Zehnten, um Gemeindedinge am Laufen zu halten, die „rebellischen Christen“ spenden dann halt an Hossa …. (frecher Kommentar, ich weiß, aber damit könnt ihr sicher leben).
    Wir sehen eben immer erst uns und unsere Probleme, bzw die, die ähnliche Probleme haben wie wir (und ja, diese Probleme sind oft auch nicht ohne, wie zB Krankheiten in der Familie oder Arbeitslosigkeit, aber eben auch Glaubenszweifel) , aber oft eben gleichzeitig nicht wirklich vergleichbar mit den Problemen unserer Geschwister in Uganda oder anderswo, man könnte auch verfolgte Christen oder sonstwas als Bsp nehmen, und im Endeffekt bleiben wir dann doch innerhalb unserer „Komfortzone“ (selbst während des Zweifelns sozusagen).
    Noch mal, ich mag euer Format echt, und ich freue mich wirklich, dass ihr Spenden bekommt, es geht mir hier um das ganz Grundsätzliche ( mein Sohn zB ist oft mit einer Band unterwegs (mit christlicher Botschaft – was ich super finde), und die haben jetzt T-Shirts drucken lassen, und die verkaufen sie, und das ist alles schön und gut – aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass ich dann denke, mit den 10 Euro für das T-Shirt hätte man auch 30 Kids die nächste Mahlzeit zahlen können… also mein Umfeld bekommt meine Fragen zu diesem Spannungsverhältnis genauso mit, und ich nehme mich auch selbst überhaupt nicht raus, dass ich hier schon die gesunde Balance hätte). Die Frage ist nämlich genau diese:

    Wo ist da die gesunde Balance, also zwischen dem „für sich selbst sorgen“ (sowohl in praktischen Fragen, also Job, Haus, … als auch in geistlichen oder seelischen Fragen) – und dem „die Komfortzone verlassen (ganz praktisch!) und was abgeben“ ? Liegt die bei jedem Menschen anders? Oder ist das auch lebensphasenbedingt (ja, bestimmt)? Und kann man sich an eine Balance gewöhnen, die nicht gut ist, und sich dann klug herauswinden? Klar, Gott liebt uns sicher auch ohne dass wir diese Balance komplett gut hinbekommen, aber er will uns ja doch schon herausfordern, auch zu wachsen in der Hinsicht, oder? Und geht das dann wirklich ohne Druck (innerlich/äußerlich?)
    Manchmal habe ich den Eindruck, es täte gerade uns westlichen Christen einfach gut, manchmal nicht so viel zu denken, sondern einfach ganz praktisch was zu tun, ohne mit tausend klugen Argumenten den inneren Schweinehund zu verteidigen, warum wir uns aber erst mit den ganz wichtigen Fragen herumschlagen müssen… Sozusagen alle klugen Theologen viermal im Jahr in die nächste Suppenküche schicken oder eben nach Uganda in ein Waisenhaus (wer weiß, vielleicht machen das sogar manche)… ich erinnere mich, dass ihr mal eine Folge mit dem Steve von Compassion hattet, das ging so in die Richtung…einfach das tun, was Jesus an Nächstenliebe klar vorgelebt hat und da praktisch helfen, wo man kann. Und dann – damit ihr seht, wie sehr ich rational ticke und meine eigenen Gedanken gleich schon wieder anzweifle – kommt mir gleichzeitig die Maria-Martha-Story in den Sinn (Ja, ich habe mich immer schon mehr wie der Martha-Typ gesehen, weil irgendjemand muss doch auch mal die Drecksarbeit machen – aber Jesus sagt ganz klar, Maria (die ihm zuhört, die sich Gedanken macht, die darüber nachdenkt – also für mich ist Hossatalk ja dann eher maria-mässig in dem Sinn, auch wenn manche Hossa-Menschen das vermutlich als provokant empfinden) hat das Bessere gewählt…es ist halt definitiv beides wichtig, aber wo ist die Balance?
    Versteht ihr mein Anliegen, also das Thema, was ich versuche, zu umkreisen?
    Vielleicht könnt ihr mit eurem Einfluss auch die ganzen Hossa-Christen dazu bewegen, dass jeder 10 Euro gibt für ein Strassenkinder-Projekt in Uganda (ich habe den Kontakt…). Wobei sie gleichzeitig mit dem Gedanken klarkommen müssten, dass die Christen, die das dort aufbauen, vermutlich mit ihren Gedanken zur Homosexualität (noch?) nicht so ganz klarkämen, sondern erstmal liebevoll versuchen, Menschen vor dem Verhungern zu retten.
    Liebe Grüße! Julia

    1. Liebe Julia,
      danke für diesen wichtigen Kommentar. Mich „plagt“ diese Frage ebenso. Und ich schwanke mal hierhin, mal dorthin. Auf jeden Fall ist es ein zentrales Thema des Glaubens, da hast du vollkommen Recht. Glaubens-Theoretikerei liegt mir mehr, das muss ich leider zugeben. Aber vielleicht kriegen wir es ja hin, bei Hossa die praktische Seite wichtiger zu machen.

      LG,
      der Jay

    2. Liebe Julia,

      ich kann deine Gedankengänge gut nachvollziehen, und auch mir geht es manchmal so, dass ich mich frage, was eigentlich wirklich wichtig und hilfreich ist. Manchmal komme ich an den Punkt, an dem ich denke „Ich mag mich all dem theoretisch – theologischen Zeugs gar nicht mehr beschäftigen, sondern einfach nur noch ein netter, hilfsbereiter Mensch sein.“
      Es hört sich gut an, einfach praktisch helfen zu können, Hungernde zu speisen, Arme zu kleiden oder Kranke zu heilen. Und es befriedigt wahrscheinlich auch den Helfenden.
      Und doch sehe ich auch, dass es unter anderem deswegen Armut überhaupt gibt, weil politische und auch religiöse Systeme diese fördern und stützen. Ich denke, es ist einfach sehr komplex.

      Ist es wirklich grundsätzlich besser, weniger zu denken und mehr zu tun? Ich glaube, es braucht immer beides. Die Diskussionen und Themen hier bei Hossa Talk gibt es ja nicht aus Langeweile oder Hobbyintellektualisiererei, sondern eben gerade auch, um Missstände zu beseitigen, Ausgrenzung zu vermeiden, vielleicht auch, um wieder das Wesentliche der Botschaft von Jesus herauszugraben – oder auch sie zu ergänzen oder vielleicht sogar in Frage zu stellen.

      Der Glaube deiner ugandischen Freunde mag einfach und für sie hilfreich sein, aber gerade das Christentum hat auch eine große, dunkle Schattenseite, die auf den ersten Blick gar nicht so ersichtlich ist. Es waren Christen, die in Afrika viel Kolonialherrschaft betrieben haben, unter deren Auswirkungen dieser Kontinent heute noch leidet. Es sind Christen, die dort gegen Verhütung predigen. Und auch der christliche Glaube kann eine Art Fatalismus erzeugen („Seht die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht …“)
      In Deutschland hat sich die gesellschaftliche Situation im Übrigen NICHT wie oft angenommen wegen christlicher Missionierung verbessert, sondern wegen der Aufklärung (und viel Diskussion und Kritik am System), besserer Bildung und technischer Errungenschaften. Die Kirche hat zwar jahrhundertelang auch Arme gespeist und Kranke versorgt, aber durch Ausgrenzung, Missbrauch und Machtstrukturen auch viel Leid erzeugt und Fortschritt verhindert.

      Du selbst räumst ja auch ein, deine ugandischen Freunde würden dich vielleicht als „vom Weg abgekommen“ bezeichnen, OBWOHL du dich so für sie einsetzt, nur weil du vielleicht nicht alles glauben magst, was sie glauben. Wie sie sich wohl Andersgläubigen gegenüber verhalten würden, wenn sie satt wären und die Macht hätten?
      Gerade deswegen finde ich es wichtig, auch über das christliche System, die christlichen Strukturen und vor allem die christlichen Glaubensinhalte zu diskutieren und sie in Frage zu stellen, weil eben auch solche Aussagen („Du bist vom Weg abgekommen“) Leid erzeugen.

      Beruflich begleite ich unter anderem Menschen, die genau unter solchen Aussagen ihrer engsten Familienmitglieder und Freunde leiden, manchmal sogar regelrecht der Kontakt abgebrochen oder übergriffig missioniert wird. Da geht es auch um Exorzismus (in Afrika übrigens auch unter Christen weit verbreitet) oder Aussagen wie „Der Teufel hat von dir Besitz ergriffen“. (Aber nicht, weil jemand nicht hilfsbereit ist oder sich schädlich verhält, sondern weil er oder sie etwas nicht für wahr halten kann). Manchmal ist ein solches Verhalten so traumatisierend, dass es zu Suizidgedanken führt. Und dann bin ich als Beraterin sehr dankbar, dass ich auf kritische Literatur, Instagram – Kanäle und auch auf solche Podcasts wie Hossa – Talk verweisen kann, weil das traumatisierte Menschen ungemein stabilisiert und manchmal genau wie die Hungerhilfe lebensrettend sein kann (im wahrsten Sinne des Wortes!). Von daher ist es auf alle Fälle auch wert, an solche Projekte Geld zu spenden.

      Jesus wird der Ausspruch zugeschrieben, dass man das eine tun und das andere nicht lassen soll (Mt. 23, 23 – zugegeben hier ein bisschen aus dem Kontext gerissen). Das finde ich auch betreffend praktischer Nächstenliebe und kritischer Anfragen an christliche Glaubensinhalte wichtig. Ich z. B. setze mich viel intellektuell mit Glaube und Religion auseinander (auch wenn ich eben immer mal wieder denke, ich will mich damit nicht mehr beschäftigen) und auch beruflich bin ich damit immer wieder konfrontiert, aber wir spenden auch viel und regelmäßig für ganz konkrete Hilfsprojekte auch in Afrika (am besten Hilfe zur Selbsthilfe), wir haben ebenfalls Freunde dort – mein Mann war schon dreimal im Senegal – , und ich gebe seit Jahren ehrenamtlich Deutschunterricht und praktische Hilfe für Geflüchtete. Ich denke, es ist beides wichtig – denken und praktisch helfen. Jesus hat ja auch praktisch geholfen UND extrem viel diskutiert, kritisiert und gelehrt.

      Auch wenn das jetzt vielleicht etwas kritisch klingt, finde ich deine Anmerkung sehr wichtig, weil sie eben ein Gegengewicht schafft und warnt vor Einseitigkeit. Es ist sicher gut, wenn Tun und Denken Hand in Hand gehen, wenn Menschen, die zum vielen Denken neigen, ab und zu praktisch mit anpacken, und Menschen, die viel praktisch arbeiten, ab und zu darüber nachdenken, ob ihre Hilfe sinnvoll ist und wo überhaupt die Ursachen und Zusammenhänge der Notlage liegen.

      Liebe Grüße,
      Claudia

  8. Ich glaube das ein großer Anteil das LTGBQ Menschen von Christen ausgegrenzt werden darin besteht das sie Angst vor Gott,Gottes Gericht haben, einfach aus dem heraus etwas falsch zu machen und etwas Falsches gegen Gottes angeblichen Willen zu tun oder zu denken. Ich glaube nicht das Christen das Mutwillig machen sondern das sie aus Angst und Unsicherheiten so Scheisse reagieren oder dadurch eben auch nicht offen sein können anders Denkenden gegenüber. Das soll keine Rechtfertigung sein, das ist nicht zu rechtfertigen aber es ist glaube ich oft eine Ursachen.
    Finde ich lustig das das Argument gar nicht zur Sprache kam oder wie seht ihr das Thema mit der Angst vor Gott?

    1. Das glaube ich auch . Ich erlebe konservativ-evangelikale Leute als nette Menschen , aber man hat eben Angst , bestimmte Dinge überhaupt zu denken ( v.a. wagt man es nicht , Bibelstellen kritisch zu sehen ) da das schon Ungehorsam und Rebellion gegen Gott bedeuten könnte und die Angst , das persönliche Heil dadurch zu verlieren , gleich da ist. So hab ich ja auch früher getickt .

      Zu Punkt 5 (wo findet man als Postevangelikale eine neue Heimat ???) würde ich auch sagen , dass traditionelle Kirchen attraktiv sind . In Großstädten wird man auf jeden Fall immer was finden , wenn man noch mal das Bedürfnis nach christlicher Gemeinschaft verspürt , auf dem Land ist es vielleicht nicht so einfach …
      Ich geh in eine liberale Baptistengemeinde und komm damit klar . Die GoDi`s sind manchmal ein bisschen steif und verstaubt , ganz richtig angemerkt , aber eben theologisch progressiv , offenes Abendmahl usw.
      Im Bund EFG (Baptisten und Brüder) kommt es sehr auf den bzw. die Pastor*in und die Ältesten vor Ort an , ob queere oder sonstige Menschen , die konservativen Geschwistern evtl. nicht in den Kram passen , in der Gemeinde akzeptiert werden . Die tragenden Leute vor Ort haben Einfluss auf die Stimmung . Sehr konservative Gemeindemitglieder gibt es überall , oft die ältere Generation , die nicht mehr so aktiv ist . Deshalb ist im Bund insgesamt die liberale Tendenz stark , ist ne Generationenfrage , denk ich .
      Sowohl die evangelische als auch katholische Kirche haben meiner Meinung nach Interessantes zu bieten . Versuche , mich von mehreren Seiten inspirieren zu lassen und nicht auf „meine“ Gemeinde fixiert zu sein , obwohl ich da schon Mitglied bin – die Bindung ist da , aber nicht existenziell . Das ist anders als früher .

  9. Ihr fragt, warum Menschen am Sexleben anderer so interessiert sind? Man kann das auch umgekehrt betrachten, wieso tragen die lgbtq Menschen ihre Sexualität nach außen? Mir wäre das völlig Latte, wie andere ihr Sexualleben ausleben, wenn das nicht überall ein Dauerthema wäre, von dem ich mich belästigt fühle.

    1. Die meisten homosexuellen Menschen, die ich kenne, sprechen so gut wie nie über ihre Sexualpraktiken. Da habe ich also eine andere Beobachtung als du. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei denen, die viel darüber reden, eine Art Gegenreaktion ist. Hunderte von Jahren durften solche Menschen keinen Pieps darüber sagen, ohne Angst aus dem Dorf geworfen oder umgebracht zu werden. Ich denke, da ist es doch nur gerecht, wenn du dich davon, dass sich das geändert hat, heute ein bisschen belästigt fühlst. Zumindest ist es die Chance, ein klein wenig nachfühlen zu lernen, wie es ist, wenn man anders empfindet als ein anderer.

      LG,
      der Jay

      1. Hallo Jay.
        Da hast Du nicht ganz Unrecht.
        Aber es geht ja in der Gesellschaft um Themen, die mein leben auch berühren. Mein Eindruck ist, dass Medien, Politik und Interessengruppen von mir verlangen, dass ich die sexuelle Orientierung und Umsetzung von Sexualpraktiken der LBQTBs toll zu finden habe. Tue ich aber nicht. Ich akzeptiere es zum größten Teil.
        Aber das führt hier zuweit.

        Jedenfalls ist Eure neue Internetseite richtig toll geworen!!!

        Liebe Grüße Andreas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert