25 thoughts on “#121 Heiße Eisen – live in Lemgo

  1. Lieber Jay, deine Ausführungen zum Thema Vergebung sind mit das Beste bzw. Berührendste was ich je dazu gehört habe. Den Satz „Vergebung ist das Einüben in das Wesen Gottes.“ habe ich gleich in mein Notizbuch geschrieben. Herzlichen Dank dafür!

  2. Da sag ich doch direkt: Jay, du hast Recht! Aber Gofi du hast auch Recht!
    Aber du kannst jetzt nicht beiden Recht geben. Da hast du auch wieder Recht!
    Schwierige Kiste irgendwie, vielleicht spaltet Gott dann einfach die bösen Eigenschaften ab, oder so..

    Und man begegnet dann Hitler dem Kunstmaler. Ob das besser wäre? 🙂
    Schöne Grüße vom Matze

  3. Zu der Prädestination: Das mit dem “Plan für mein Leben” halte ich für ziemlich unbiblisch. Denn an den typischen Prädestinationsstellen (in Römer 8 und Epheser 1) geht es ja gar nicht darum, dass Gott unser ganzes Leben durchgeplant hätte, sondern darum, dass wir dafür “ausersehen” sind, Kinder Gottes zu sein, Jesus gleich zu sein, gerechtfertigt zu sein, durch nichts von Gott getrennt werden zu können usw.
    Das Beispiel mit dem Depressiven und dem Macher-Typen finde ich gut. In Kombination mit dem Hirten. Denn es hilft zwar möglicherweise nur einem von beiden, wenn man sagt, “Gott hat einen Plan” (wobei ich nicht mal sicher bin, ob das für einen Depressiven so ne große Hilfe ist…), aber es hilft BEIDEN, wenn man sagt: Das Wichtige ist, dass Gott mit dir ist. Dass er dein Hirte ist. Und zwar auch einer, der bei dir ist, wenn du durch das Tal des Todesschatten gehst. DAS ist das, wonach sich alle Menschen sehnen: Dass es jemanden gibt, der mitgeht, der dabei ist, der einen nicht im Stich lässt, der sich mit einem freut und mit einem weint. Und dass ist letztlich das, was durch das Sterben, durch den Tod trägt. Das, was Erfolg im Leben sinnlos macht und in Krisen (ganz besonders im Sterben) Angst macht, ist doch, dass man das alleine macht/machen muss. Und Gottes Antwort in der ganzen Menschheitsgeschichte ist genau die: Ich bin der, der mit dir ist (JHWH, Immanuel).

  4. Klasse Talk – und mal wieder ein “höllisches Thema”. Hölle ja oder nein, und wenn, dann wie und wie lange, keine Hölle, und was ist dann mit den Verbrechern gegen die Menschlichkeit – das scheint ein Thema zu sein, das viele von uns bewegt.

    Nun ist die Bibel ja – Gott sein Dank – nicht in “einem Stück gegossen”, sondern wir haben es mit Glaubenszeugnissen zu tun, die über viele Jahrhunderte entstanden sind und oft auch die jeweiligen Denkmuster ihrer Zeit in sich aufgenommen haben. Und doch ist die Bibel eben kein gewöhnliches Buch, sondern (irgendwie) “gottgehaucht”, das “Buch der Bücher”…

    Ich kann heute ganz gut die verschiedenen biblischen Aussagen zu diesem Themenkreis nebeneinander stehen lassen – den “Tun – Ergehen – Zusammenhang” im sog. AT, das teilweise Konterkarieren dieses Ansatzes durch Jesus (u.a. in der Bergpredigt und bes. in der Feldrede), die Theologie des Paulus “nicht durch Taten, sondern durch Vertrauen” und “alle Menschen sind vor Gott schuldig geworden und werden ohne Verdienst gerecht”, dann wieder die Betonung der Handlungen bei Jesus (Mt 25) oder auch bei Jakobus.

    Ich denke, es gibt ein “Getrenntsein von Gott” und es gibt ein “Vereintsein mit Gott”. Vielleicht auch noch so etwas dazwischen (1 Kor 3,11-15). Gott ist voller Liebe. Er ist treu und gerecht und barmherzig. Ihm steht ein letztes Urteil über uns Menschen zu, und ich bin froh, dass ich mir nicht seinen Kopf zerbrechen muss. Ich glaube, dass er alle in den Himmel lieben möchte. Einer “Allversöhnungslehre” aber oder etwa einer “doppelte Prädestination” stehe ich mehr als skeptisch gegenüber.

    Als Christ sage ich die Gute Nachricht von Jesus weiter. Auch wenn ich selbst wiederholt Dinge nur auf die “harte Tour” gelernt habe, hat mich letztlich immer die Liebe Gottes gezogen, motiviert, getragen, gehalten. So versuche ich es zu leben, auch im Kontakt mit anderen. “Wir müssen wieder mehr über die Hölle predigen” – damit kann ich wenig anfangen. Wenn – dann mehr über Jesus, mehr über Gottes Liebe, mehr über Gottes guten Geist. Meine alten Lehrer haben schon gesagt: “Versuch nicht, dem Hund seinen Knochen wegzunehmen, halt’ ihm lieber ein frisches Stück Fleisch vor die Nase…” Ich denke, das stimmt.

    Manchmal kann ein ernsthaftes Gespräch, ein Hinweis auf die Konsequenzen, wenn ich so weitermache wie bisher, wichtig und hilfreich sein. Mir geht es machmal so, wenn sich mein Hausarzt Zeit für mich nimmt und mir ins Gewissen redet. Das bringt viel mehr, als wenn meine Frau es versucht. Vor einigen Jahren kam ich in meiner Gemeinde mit einem jungen Dorgenabhängigen ins Gespräch, den seine verzweifelte Mutter mitgebracht hatte. Er war voller Anklage, voller Stolz, voller Abwehr. Ein hartes Gespräch mit dem deutlichen “vor Augen malen” der Konsequenzen ist für den jungen Mann der Anstoß geworden, eine christliche Therapie zu beginnen. Er ist jetzt seit 5 Jahren drogenfrei und hat gerade eine Berufsausbildung abgeschlossen. Passiert leider viel zu selten…

    Also – Himmel und Hölle, Gerechtigkeit, Vergebung, Rechtfertigung aus Gnade und durch Glaube, Umkehrung der Verhältnisse – über all die Dinge ist oft die Rede in der Bibel. So wichtig die systematische Theologie auch ist – mich motiviert die Liebe Gottes, die Person Jesu, die eschatologische Hoffnung, der Dienst am Nächsten. Die Angst vor der Hölle und die Höllenpredigt – davon durfte ich mich schon lange verabschieden. Und das hat mir und anderen gut getan…

  5. Man kann gleichzeitig an das Weltgericht, den Feuersee als ein Bild für das Gericht und an die letztendliche Rettung aller glauben. Warum sollte das Erbarmen Gottes nach dem Weltgericht für immer an ein Ende kommen? Denn was ist die Rolle des Feuers in der Schrift?

    Ich werde den dritten Teil ins Feuer bringen, und ich werde sie läutern, wie
    man das Silber läutert und prüfen, wie man das Gold prüft. Es wird meinen
    Namen anrufen, und ich werde ihm antworten; ich werde sagen: Es ist
    mein Volk; und es wird sagen: Jehova ist mein Gott (Sach. 13,9).

    HIer kann man einiges davon rauslesen!

  6. Hmm, warum ist mein Kommentar weg?

    Also: Nach einem rabbinischen Sprichwort: Jay, du hast Recht! Aber Gofi du hast auch Recht!
    Es können doch nicht beide Recht haben? Das ist auch wieder richtig..
    Schwierige Kiste, vielleicht spaltet Gott die schlechten Anteile ab?
    Dann begegnen wir im Himmel dem Kunstmaler Adolf Hitler.
    Ob das besser ist? 😉
    Liebe Grüße der Matze

    1. Hast du “La part de l’autre” gelesen?
      Hab bei Gofis Ausführungen drauf gewartet, dass noch die Aussage kommt “Manche Taten sind für mich wirklich unentschuldbar. Aber dann überlege ich, welches Monster in mir steckt (und aufgrund glücklicher Umstände einfach keine Bühne hat, um sich zu entfalten) und dann werd ich plötzlich vorsichtiger, wenn ich laut nach Vergeltung rufe – denn ich könnte genau dieser Täter selbst auch sein – und was liegt so oft in der Vergangenheit von Tätern? Dass sie Opfer wurden”.

  7. Ich bin ziemlich sicher, dass Hitler in die Hölle gekommen ist, von dort aber fliehen konnte, um dann unter dem Namen David Hilter in einem Imbiss zu arbeiten ……

    1. Er hat seine Seele an den Teufel verkauft, um aus der Hölle zu entkommen. Aber kurz nachdem der Packt geschlossen war, hat der Teufel das, was er für eine Seele gehalten hat, Hitler zurück gegeben und meinte, mit diesem Trash könne er nichts anfangen. Hitler, mit einem üblen Anflug von Galgenhumor meinte, der Teufel solle sich nicht so verarschen lassen. Seit dem spielen beide jeden zweiten Mittwoch im Monat Poker.

    1. Ja, das verstehe ich. Der Zeitkorridor, wo so etwas möglich ist, ist leider von unserer Seite aus nicht so breit. 🙁
      LG,
      der Jay

  8. Das finde ich einen total wichtigen Punkt. Kein Mensch ist nur Täter und nur Opfer. Und jeder Mensch war mal ein unschuldiger Säugling, der in diese giftige Welt hineingeboren wird. Die Voraussetzungen, um ein “guter” oder “schlechter” Mensch zu werden sind auch sehr ungleich verteilt. Es ist von so vielen Umständen und äußeren, wie inneren Faktoren abhängig, wie sich ein Mensch entwickelt und welche Entscheidungen er trifft. Ich glaube, das Gericht ist eine der größten Hoffnungen, die wir haben. Und Gott wird uns mit allen Anteilen sehen, heilen, zurecht bringen und läutern. Und ich glaube im und durch das Gericht, werden Ofper und Täter versöhnt werden und einander und dich selbst vergeben können.
    Ich finde den Worthaus Vortrag zu dem Thema sehr berührend: https://worthaus.org/worthausmedien/gottes-liebe-und-gottes-gericht-wie-passt-das-zusammen-2-7-1/
    Ich kann auch Gofis Punkt sehr gut nachvollziehen. Es ist mit meinem Gottesbild auch nicht vereinbar, dass all die Ungerechtigkeit dieser Welt einfach Vergeben wird und nicht mehr zur Sprache kommt. Das Gott immer auf der Seite der Unterdrückten und derer, die Unrecht erleiden steht, wird besonders bei den Propheten und auch an Jesu Leben sichtbar.

    1. Vielleicht ist Gericht auch ein Vorgang, bei dem die Opfer(anteile) verbunden, geheilt, getröstet werden und die Täter(anteile) “zurechtgebracht” werden. Und das ausgelöscht (vergeben), was zwischen den beiden steht.
      Vielleicht ist die Aussage “Die Rache ist mein” auch nicht so zu verstehen, dass Gott an unserer Stelle Rache vollzieht, sondern dass Gott die Rache “kassiert” hat – auf dem Hintergrund, dass die Vergebung größer ist als die Rache.
      Meine Favoriten-Feuerstelle 😉 ist übrigens aus 1Kor3 (16: Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.). Da geht es um verschiedene Lehren und denStreit mit den Apollo-AnhängerInnen. Ich finde im Hinblick auf die Streitigkeiten unter Christen hilfreich, dass da steht, dass zwar das verbrennen wird, was keinen bleibenden Wert hat (also im fundamentalistischen Sprech: was eine Irrlehre war), aber das der Mensch selber gerettet wird. Und auch generell, dass die Rettung/Vergebung größer ist als die Fehler, das “Menschelnde”, das, wo wir in eine schräge Richtung gegangen sind.

    2. …und zu der Vergeltungs-Sache: Ich glaube, dass es zur Heilung von Wunden dem Opfer nicht hilft, ob der Täter eine angemessene Strafe bekommt. Das hilft dem Gerechtigkeitsempfinden, der Genugtuung, den Rachegedanken. Und es hilft, dass man als Opfer vielleicht mehr Ruhe über dem bekommt, was einem angetan wurde. Aber Heilung, Wieder-Gut-Machung geschieht (meiner Erfahrung nach) erst dann, wenn sich jemand dem Opfer zuwendet, es tröstet, es begleitet, es verbindet und wenn die Lasten von den Schultern genommen werden (und das geht mE nur über Vergebung).

  9. Hallo,
    hier mal meine Gedanken dazu, wie ich mir das Gericht vorstelle. Ob das Menschen, an denen in unvorstellbarer Weise Menschen schuldig geworden sind, das auch nachvollziehen können, weiß ich nicht . . .
    Ich stelle mir das so vor: ich stehe zusammen mit den Menschen, mit denen ich in irgendeiner Weise zu tun hatte, vor Gott. Und dann kommt alles auf den Tisch: Das Gute, was ich den Menschen getan habe und das Schlechte. Und das Gute, das sie mir getan haben und das Schlechte.
    All das liegt dann vor Jesus. Vor dem Jesus, der unschuldig unglaubliches Leid auf sich genommen hat. Der nun wirklich weiß, wie man vergibt. Vor ihm liegt das nun alles. Und ich glaube, dass es einen Prozess geben wird in dem wir uns alle in die Augen schauen. Wo alles geklärt und zurechtgebracht wird. Das mag und wird dauern. Und sicher wird es kein „Schwamm drüber“ geben. Auch nicht von Gott. Und es wird sicher auch nicht plump von Jesus kommen: „Hey stellt euch nicht so an, schaut auf mich!“ Aber am Ende habe ich die Hoffnung, dass ich versöhnt mit den Anderen in die Ewigkeit geben darf.
    Und: damit Gerechtigkeit (zu diesem Wort gibt es auch einen guten Worthausbeitrag) hergestellt wird ist es ja vielleicht möglich, dass ich denjenigen, an denen ich schuldig geworden bin, irgendwie meine Liebe (hört sich schwulstig an ;.)) zeigen darf.
    Ich habe die Hoffnung, dass mit Hilfe Desjenigen, der unschuldig schrecklich gelitten hat, Versöhnung möglich ist. Und wenn das geschehen ist können wir dann gemeinsam in Ewigkeit feiern. Im Angesicht Jesu (und nur dort) halte ich das tatsächlich für möglich.
    Meist haben wir Evangelikalen ja eher die Vorstellung: ich stehe vor Gott. Und dann geht der Daumen rauf oder runter. Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich da zusammen mit meinen Mitmenschen stehe und Jesus sowohl Anwalt als auch Richter in diesem Gerichtsprozess ist bekommt das eine Dynamik. Das flößt mir Respekt ein! Aber es gibt mir auch die Hoffnung, dass es am Ende tatsächlich gut ausgehen kann.
    Wie ich die ganzen Bibelstellen hiermit übereinbekomme weiß ich noch nicht 😉

    1. Danke für deine Gedanken! Ich finde das eine hilfreiche Vorstellung vom Gericht. Und eine, die mir Ruhe gibt, wenn ich weiß, dass ich vielleicht meinen Tätern in diesem Rahmen wieder begegnen werde und dann alles IN GOTTES GEGENWART auf den Tisch kommt. Und dass Beziehungen zu denen wieder in Ordnung kommen, denen ich bewusst oder unbewusst zur Täterin geworden bin.
      Von meiner evangelikalen Vorstellung, dass alle wiedergeborenen Christen in den Himmel durchgewunken werden, habe ich mich verabschiedet, als mir aufgefallen ist, wie viel Leid diese Christen anderen Menschen (v.a. auch anderen Christen) antun. Dass es da ein “Schwamm drüber, Jesus ist für die Sünden gestorben” gibt, ohne Rücksicht auf die Opfer, kann und will ich mir nicht vorstellen.

  10. Hallo Leute,

    spannender Talk, danke!

    Dass Ihr Euch so uneins wart bei Gerechtigkeit, hat m.E. – wie Ihr selbst gemerkt habt – mit den ganzen Begriffen zu tun.

    Wir stellen uns Gerechtigkeit immer römisch vor, weil unser Rechtssystem auf dem römischen Recht beruht. Und dann kommt auch noch die ganze (wohl eher germanische) Auffassung von “Ausgleich” (s. Anselm von Canterburys Sühnetheorie) dazu.

    Ich sehe das inzwischen etwas anders. Zum einen (da könnt Ihr alle Juristen fragen) sind Recht und Gerechtigkeit nicht das gleiche. Ich selbst habe eine Freundin zum Gericht begleitet (mehrere Prozesstage und mit das Schlimmste, was ich erlebt habe…), wo der Totschläger ihres Kindes seinen Prozess bekam. Die Richterin verhängte das Maximum, was in unserem Rechtssystem möglich ist, aber meine Freundin geriet in den Strudel, dass er noch mehr “bezahlen” müsse… Erst als sie das aus der Hand gab, dass SIE es bestimmen könnte, was er zu “zahlen” habe, und als sie erkannte, dass es sowieso keinen „Ausgleich“ für ihr Kind gibt, wurde sie wieder ruhiger. Trotzdem hat es auch zur inneren Ruhe bei ihr beigetragen, dass der Täter ein öffentliches (!) verbindliches Urteil bekam.

    Recht und Gerechtigkeit hängen also zusammen, sind aber nicht das gleiche. Und da würde ich gerne mal das “Auge um Auge” auskramen, das bei Euch so schlecht wegkam. 😉

    Das ist nicht barbarisch, sondern in einer tribal organisierten Gesellschaft ohne zentrale Instanz, die Recht sprechen könnte, eine totale Innovation, weil dadurch der “Ausgleich” verbindlich festgelegt wurde. In anderen Gesellschaftstypen dieser Art läuft das (zum Teil heute noch) nach dem Schema “Blutrache”/”Blutfehde”, wo sich Familien gegenseitig ausrotten. Im AT war damit Schluss. – Und alles andere ist allein Gottes Angelegenheit. “Mein ist die Rache, spricht der Herr” (Und da gehe ich jetzt mal davon aus, dass sich Gott im Laufe des AT fortschreitend offenbart hat, folglich die Idee, dass Gerechtigkeit keine Rache und v.a. allein Gottes Angelegenheit ist, sich erst mit der Zeit durchgesetzt hat.)

    Die ersten “Regenten” Israels waren Richter, die zugleich als Anwalt derer auftreten sollten, den Unrecht zugefügt wurde. Die Idee, dass sich ALLE an feststehende Regeln zu halten haben und es Konsequenzen gibt, wenn nicht (als es dann später eine Monarchie gab, hatte man sogar eigens ein Gesetz, was der König alles nicht darf!). Und in diesem Zusammenhang finde ich es spannend, dass das hebräische “zedaka” eben keine römische Justitia ist, sondern sowohl Gerechtigkeit als auch Wohltätigkeit bedeutet. Der Tag des Herrn, der Tag des Gerichts, auf den alle Juden bis heute warten (und wir ja eigentlich auch), ist laut AT ein Tag der Freude, weil Gott Gerechtigkeit herstellen wird. Und Heilung! (Deshalb fassen viele Kranke im NT Jesu Gewand an, denn der Messias bringt unter dem Saum seines Gewandes (unter seinen Flügeln) Heilung.)

    So, jetzt habe ich natürlich auch nicht erklären können, was Gerechtigkeit biblisch GENAU meint. 🙂

    Ich sehe es aber in diesen ganzen Zusammenhängen und mir fällt dazu immer das neutestamentliche “der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft” ein. Wie Gott das dann genau hinkriegt, ist eben höher als meine Vernunft… (Auch wenn ich das als Intellektuelle ja nicht gerne sage. 😀 ) Deshalb begreife ich das Heilsgeschehen am Kreuz auch nicht wirklich. Es hat aber ganz sicher nicht mit „Ausgleich“ zu tun, sondern damit, dass Gott uns, die wir uns von ihm, d.h. vom Leben abschneiden, wieder einen Weg zu ihm eröffnet.

    Ich hoffe auf die Allversöhnung, aber ich nehme Jesu Warnungen sehr ernst, bin mir darüber letztendlich nicht sicher und glaube langsam, dass das genau der Punkt ist: wir sollen uns nicht “sicher” sein, weil es eben nicht unsere Angelegenheit ist und nicht in unseren Möglichkeiten steht. Wenn ich an all die Diktatoren, Folterknechte und Kinderschänder dieser Welt denke, geht das eindeutig über meine Kräfte.

    Manchmal (Achtung: persönliche Spekulation) denke ich, dass bereits das Gericht das sein könnte, was manche Konservative als “Hölle” bezeichnen. Ich stelle mir das so vor, dass wir unser Leben nochmal gezeigt bekommen (was auch etwas mit Würde und Würdigung zu tun haben würde…) und dabei auch die Perspektiven der anderen fühlen, mit denen wir zu tun hatten. Das könnte versöhnlich von einer “höheren Ebene” aus sein (an Jesu Hand, mal bildlich gesprochen) oder auch ganz krass im Fall eines Massenmörders (der immer meinte, er brauche keine Hand, die ihm hilft, weil er über allem steht). Aber wie gesagt: alles nur meine ganz persönliche Vorstellung.

    Von Höllenpredigten halte ich sowieso nichts, da bin ich mal wieder ganz lutherisch: man soll die Leute mit Gottes Verheißungen locken. Und da Ihr selber Luther noch angesprochen habt, nochwas zu “Prädestination”: Da gehen die Begriffe auch durcheinander zwischen evangelischen Christen verschiedener Prägung.

    Die Sache mit dem “Plan Gottes für mein Leben” ist typisch evangelikal (hat eventuell was mit Calvin zu tun, aber da bin ich keine Spezialistin). Bei Luther ist der Plan Gottes für Dich lediglich, dass Du an der Stelle, an der Du lebst und arbeitest, zum Großen und Ganzen beitragen sollst. Punkt. Ganz undramatisch. (Und das schließt für heutige Christen natürlich überhaupt nicht aus, dass Deine Stelle sich ändern kann.)

    Und dann meint Prädestination zweitens die Erwählung zum Glauben. Das gibt es “irgendwie” auch bei Luther, aber eben nur in diesem Sinne, dass Gott den Glauben herstellt, nicht der Mensch (allerding sehr handfest, nicht „spiritualistisch“). Bei Calvin dagegen gibt es eine Vorherbestimmung mit doppeltem Ausgang, d.h. es gibt auch welche, die Gott zur Verdammnis auserwählt hat. Das ist laut Luther biblisch nicht zu belegen, sondern eine reine Spekulation, um Gott in ein philosophisches Gedankensystem einzuordnen, daher lehnt er das ab. Darüber haben sich die beiden ziemlich gefetzt.

    In jedem Fall sollte man “Erwählung” und „Plan Gottes“ nicht zu schnell zusammenrühren (was Ihr ja auch gar nicht getan habt 🙂 ). Das gibt es in dieser Form bei vielen christlichen Denominationen SO nicht, soweit ich das überblicke (jedenfalls nicht bei Lutheranern oder Katholiken).

    Liebe Grüße
    Ina

    1. P.S.

      Dass Täter auch (oft) Opfer sind, sehe ich theoretisch auch so, aber an dem Gedankenaustausch darüber kann ich mich hier nicht beteiligen. Ich WILL es auch nicht, weil ich immer an den Totschläger des Kindes meiner Freundin denken muss. Wie er noch vor Gericht über eine Stunde darüber geschwafelt hat, was in seinem Leben alles schief ging. Kein Wort über das Kind! Die Presse schrieb damals: “X.Y. jammert vor der Richterin”

      Das soll BITTE Gott regeln. Mir läuft 15 Jahre nach dem Prozess noch die Galle über…

    2. Nur als kurze Ergänzung zu Luther und Calvin, auch wenns vielleicht als spitzfindig abgetan wird:
      Wenn man Luthers Schrift “Vom unfreien Willen” liest, dann klingt das nicht so viel anders als Calvin. Nur, dass er manche Dinge nicht weiter denkt (weil biblisch nicht geklärt) oder eben in den Bereich des “verborgenen Gottes”, über den wir nichts wissen können verordnet.
      Was mir neu ist, ist der Gedanke, dass Luther und Calvin sich “gefetzt” haben. Die beiden sind sich ja nie persönlich begegnet…den Ärger gab es glaube ich erst nach Luthers Tod zwischen seinen Nachfolgern und dem “Calvin-Lager”. Ich kann Luthers Position in der Frage auch mehr abgewinnen als Calvins, aber ich finde es trotzdem wichtig festzuhalten, dass der Gegensatz nicht so groß ist wie gedacht und das gerne gespielte Spiel in dieser Frage (guter Luther vs. böser Calvin) nicht ganz so aufgeht.

  11. Mich lässt seit Tagen die Frage: “Was können wir von den evangelikalen lernen” nicht los. Auf der einen Seite ist das, was man als evangelikal bezeichnet ja ein sehr breites Spektrum, wo sich kaum eine Pauschalaussage treffen lässt. Ich finde zum Beispiel diese einfachen Antworten von manchen Glaubensgeschwistern auf manche Fragen sehr abstoßend. Ich habe manchmal den Eindruck, dass es nur Schutzbehauptungen sind, um sich mit einer Thematik nicht tiefer beschäftigen zu müssen und um dabei Herausforderungen zu umgehen. Ich glaube, wer ein Thema mit all seinen Schwierigkeiten und Widersprüchlichkeiten durchdenkt, kann vielleicht am Ende auch eine einfache Antwort geben, aber eine, die viel wertvoller ist. Was ich damit sagen möchte ist, dass das durchdiskutieren mancher Themen wichtig und richtig ist, auch wenn es anstrengend ist. Die “Nicht-Evangelikale-Theologie” kommt ja auch zu ganz konkreten und einfachen Antworten.
    Und dann habe ich auch so meine Zweifel, ob “die Evangelikalen” unbedingt soviel Einsatzbereiter sind. Viel läuft über Druck und hingebungsvolle Christen gibt es ja genauso bei den Liberalen oder Progressiven. Und da wo Evangelikale diakonisch unterwegs sein wollen ist schnell der Vorwurf im Raum, dass “das Evangelium” auf der Strecke bleibt. “Sich für Gott einzusetzen” bedeutet im Evangelikalen Kontext m.E. meistens Lehre vermitteln, evangelisieren, interne Dienste, usw., weniger diakonisch unterwegs zu sein. Als es wirklich mal darauf ankam sich für Gott in unserem Land einzusetzen, ich denke dabei an 1933 -1945 waren es die aus evangelikaler Sicht “liberalen Theologen”, die für ihre Überzeugungen sogar in den Tod gegangen sind. Die Evangelikalen haben sich zu dieser Zeit irgendwie nicht so positiv hervorgetan.

    Lieben Gruß
    Daniel

    1. Wobei sich auch da viel getan hat. Stichwort “Micha-Iniative” zB.
      Auch dass inzwischen das Thema Homosexualität bis in höchste EKD Kreise diskutiert wird, ist ein entscheidender Schritt.
      Die Kirche hat schließlich auch über 1500 Jahre gebraucht um sich zu öffnen. Da sind die 200 Jahre bei den Evangelikalen ja nix.
      Und im 2. Weltkrieg waren die Evangelikalen durchaus differenzierter. Der Gnadauer Verband hat sich zum Beispiel klar von den Deutschen Christen distanziert. Auch andere Führungspersonen waren in der bekennenden Kirche unterwegs.

      1. Das ist mir schon bewusst, dass “sich was tut” und dass man manches auch differenziert betrachten muss. Aber mein Punkt ist ja, dass sich dabei nichts zeigt, was so typisch evangelikal ist, dass man es besonders Hervorheben kann / sollte.
        Es gibt schon so typische Merkmale, aber ob die immer so gut sind? Das man sich bewusst für Gott entscheidet ist so ein Merkmal, und das entspricht auch der Lehre Jesu, der sehr stark zur Entscheidung aufgerufen hat. Aber auch dass kann ins negative kippen, wenn die persönliche Entscheidung mehr als elitäres Zugehörigkeitsmerkmal verstanden wird, denn als Antwort auf die Zuwendung Gottes.
        Ich bin da wirklich am suchen, weil ich als freikirchlicher Pastor immer mehr entdecke, das es “bei uns” nichts gibt, was nicht auch woanders zu finden wäre.

        Grüße
        Daniel

  12. Die Veröffentlichung hat aber lang gedauert :-).
    Aber coolerTalk, besonders wenn man live dabei war….

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