Selbstoptimierung, der richtige Beruf, die Frage nach der Berufung, Meditation: Die Suche nach dem wahren Ich kann viele Formen annehmen. Es lässt sich offensichtlich nur schwer finden. Oder ist das sogar gar nicht möglich? Gibt es das Selbst? Was soll das sein? Ist es oder wird es? Ist es der Ort, an dem man Gott findet? Oder gar Gott selbst? Julia hat uns mit einem Kommentar zu einer Folge von Cobains Erben inspiriert. Und wir nehmen den Faden auf und spinnen ihn weiter. Dabei erzählt Jay von einer Begegnung mit seinem wahren Selbst, das ihm Gofi gar nicht zugetraut hätte. Aber hört selbst.

7 thoughts on “#170 Auf der Suche nach dem wahren Ich

  1. Hallo ihr beiden,
    ihr macht hier ein Spannungsfeld auf, wo auch eins hin muss, wie ich finde, und beschreibt es sehr treffend und anschaulich. – Musste spontan an ein Zitat aus einem Artikel von Daniel Gerhardt auf Zeit Online denken. Da benutzt er die Formulierung “die Seele auf letzte Restbefindlichkeiten abtasten” (großartig!) – ich glaube, das ist genau das, was Gofi wütend macht, wenn er sagt, dass man doch jetzt einfach mal Verantwortung übernehmen muss und mal anpacken muss. Dieses Gefühl hatte ich auch schon so oft in den letzten Jahren! GLEICHZEITIG ist es aber doch auch so, dass wir oft so entfremdet von uns selbst und anderen leben und mehr Kontakt zum “wahren Selbst” gebrauchen könnten (vielen Dank für deine Erzählung, Jay, das war sehr spannend!). Vielleicht aber auch manchmal mehr Kontakt zum wahren Gegenüber?!
    Vielen Dank für diese Anregungen!

  2. Eure Talks werden immer mystisch-philosophischer 🙂 (Er hieß übrigens Par-mé-ni-des)
    Im Bezug auf mein Leben finde ich das Modell der verschiedenen Schichten des Selbst bzw. die Unterteilung in äußeres und inneres Selbst sehr passend.
    Meine “Berufungs”Erfahrungen gehen so: Ich weiß genau, was ich machen will, wofür mein Herz schlägt, was mir liegt… und mein Leben sagt: NEIN. Und stellt mich in andere Situationen – in manchen fühle ich mich überraschenderweise “in meinem Element”, in anderen bin ich total überfordert. Dennoch sagt mir das Leben: Jetzt mach den verdammten Job. Und immer wieder komme ich an einen Punkt – besonders in den Lebensumständen, aus denen ich fliehen möchte -, an dem ich denke: und wenn “ich selbst sein”, “Berufung leben” einfach nur das ist: lieben, die Menschen und Dinge, die dir vor die Füße kommen?

    Und vielleicht kommen wir dann da bei uns an, bei dem wahren Selbst, das Jay gefunden hat (und der soll mir noch einmal erzählen, er hätte keine Gotteserlebnisantennen 🙂 ), das sagt: “Ich bin dir freundlich gesinnt, mach dir nicht so viele Sorgen, ich bin froh, bei dir zu sein.” Oder geben es erst dann wirklich weiter.
    Wenn es tatsächlich diesen Meister Eckhartschen göttlichen Funken in uns allen gibt, wenn Gottesebendbildlichkeit und ruach in uns allen dieses wahre, innere Selbst ist, dann sind wir uns alle in diesem inneren Selbst gleich und können uns darin begegnen. Uns zusprechen, dass wir einander freundlich gesinnt sind, froh sind, beieinander zu sein, uns gegenseitig trösten etc…

  3. Oh Dankeschön Jungs, dass ihr meinen Kommentar berücksichtigt und aufgegriffen habt, da habe ich mich sehr darüber gefreut! Ja, die gute Jackie hat da wirklich etwas Tolles gesagt, was in mir immer noch nachklingt! Im Rückblick auf mein Leben habe ich festgesellt, dass ich mir die Frage: “Wer bin ich?” sehr lange überhaupt nicht gestellt habe. Zuerst war sie eher verpönt im Sinne von: “Ohne Gott bin ich gar nichts, ich brauche ihn um meine Identität zu bekommen”, dann wurde eher gefragt: “Wie muss ich werden, damit Gott mich gebrauchen kann?” Später stellte ich mir die Frage, wie ich sein muss um von anderen geliebt und akzeptiert zu werden und noch später, wie ich sein muss, um von einem bestimmten Menschen geliebt zu werden. Ich war über dreissig Jahre alt, als ich mir zum ersten Mal wirklich die Frage gestellt habe, wer ich denn eigentlich bin und was ich eigentlich will.

    Ich denke, dass es bei sehr vielen von uns der Fall ist, dass wir auf diese Fragen eher später als früher stossen, und das ist auch nicht weiter schlimm! Unsere Augen sind nun mal nicht so ausgerichtet, dass sie in unser Inneres sehen, sondern das, was um uns herum passiert. Wir sind Beziehungswesen und wir sind daran gewöhnt uns selbst durch die Augen der Anderen zu deuten, durch das, was wir gespiegelt bekommen. Dass wir auch eine Beziehung zu uns selber haben, darauf kommen wir erst im Laufe des Lebens, obwohl wir diese Beziehung schon unser Leben lang pflegen, manchmal besser und manchmal schlechter.

    Wenn Gofi sagt, dass es seiner Ansicht nach das wahre Selbst nicht gibt, würde ich widersprechen und dagegenhalten: Wenn wir sogar einzigartige Fingerabdrücke haben, müssen wir auch andere Eigenschaften haben, die einzigartig sind. Vielleicht ist für uns auch einfach die Vorstellung, dass wir einzigartige Geschöpfe sind, zu hoch, weil die Welt und das Leben uns ständig sagen, dass wir austauschbar sind und niemand auf uns gewartet hat. Aber dann gibt es diese Situationen, in denen wir einem anderen Menschen scheinbar ins Herz sehen und genau das Richtige tun oder sagen. Diese Situationen, in denen eine Verbindung entsteht, in denen wir Schmerz oder Freude teilen. Ich glaube nicht, dass wir in diesen Momenten austauschbar sind. Genauso ist es, wenn wir uns verlieben. Ja, unser Gegenüber hat augenscheinlich alles, was Millionen andere Menschen auch haben, und trotzdem gibt es eine Verbindung, die es zu keinem anderen Menschen gibt und so auch zu keinem anderen Menschen mehr geben wird. Und auch das bleibt für uns unverfügbar, wir verstehen es nicht, können es nicht rational erklären und nicht reproduzieren.

    Anders als früher habe ich heute nicht mehr das Gefühl, Gott nur ausserhalb meiner selbst zu finden. Nicht in dem Sinne, dass ich selbst göttlich bin, eher in diesem Sinne von dem was Gofi gesagt hat, dass wir versuchen Gott in allen Dingen zu erkennen und dabei oft vergessen, dass wir selbst auch dazu gehören, dass wir Gott auch in uns selbst erkennen können. Da fällt mir ein Zitat ein, welches Jay Letzens auf Facebook geteilt hat, das spielt doch auch in das hinein, oder was meint ihr?

    On idolatry:
    “‘Why are graven images forbidden by the Torah?’ I once heard Abraham Joshua Heschel ask. Why is the Torah so concerned with idolatry? You might think that it is because G-d has no image, and any image of G-d is therefore a distortion. But Heschel read the commandment differently. ‘No,’ he said, ‘it is precisely because G-d has an image that idols are forbidden. You are the image of G-d. But the only medium in which you can shape that image is that of your entire life. To take anything less than a full, living, breathing human being and try to create G-d’s image out of it – that diminishes the divine and is considered idolatry. You can’t make G-d’s image, you can only be G-d’s image.'”
    —Rabbi Arthur Green

    Hier noch auf deutsch:
    Über Götzendienst:
    “‘Warum sind Götzenbilder in der Tora verboten?’, hörte ich Abraham Joshua Heschel einmal fragen. Warum beschäftigt sich die Thora so sehr mit dem Götzendienst? Man könnte denken, dass es daran liegt, dass G-tt kein Bild hat, und jedes Bild von G-tt daher eine Verzerrung ist. Aber Heschel las das Gebot anders. “Nein”, sagte er, “gerade weil G-tt ein Bild hat, sind Götzenbilder verboten. Du bist das Abbild G-ttes. Aber das einzige Medium, in dem du dieses Bild formen kannst, ist dein ganzes Leben. Etwas weniger als ein volles, lebendiges, atmendes menschliches Wesen zu nehmen und zu versuchen, G-ttes Bild daraus zu erschaffen – das vermindert das Göttliche und wird als Götzendienst betrachtet. Du kannst nicht G-ttes Ebenbild machen, du kannst nur G-ttes Ebenbild sein.'”
    -Rabbi Arthur Green

    So gesehen macht es auch wieder Sinn, dass in uns etwas Unverfügbares ist. Genauso, wie Gott für uns unverfügbar bleibt…

    1. Liebe Julia,
      danke für deine Gedanken, dass sind wirklich tiefe und gute Ergänzungen zu dem Talk. Ich hatte während des Gesprächs tatsächlich auch an das Heschel-Zitat gedacht und daran es zu bringen, weil es tatsächlich supergut zum Thema passt. Aber dann konnte ich es nicht mehr unter bringen. Von daher, super, dass Du das jetzt nachgeholt hast. Und danke auch für die Übersetzung.

      LG,
      der Jay

  4. Sehr spannender Talk!

    Eine Anmerkung zum Spannungsfeld äusseres Tun und inneres Sein: Ich glaube, es ist eine Pendelbewegung. Wenn wir “Gott auf dem Grund unserer Seele begegnen” (oder wie ihr das auch ausdrücken wollt), verändert uns das. Gottes Annahme und Liebe färbt sozusagen auf uns ab. Dann schickt er uns damit wieder in die Welt hinaus, um sein Wesen zu reflektieren. Jan van Ruysbroeck hat dies so formuliert: “Gott atmet uns in der Kontemplation ein und wir müssen dann ganz in Ihm aufgehen. Später atmet der Spirit oder Atem Gottes uns wieder aus, damit wir lieben und Gutes tun.”

    Thomas Keating beschreibt in seinem Buch “Invitation to Love” vier Abschnitte im Leben, die ihre jeweils eigene spirituelle Aufgabe haben. Am Anfang des Lebens geht es darum ein grundsätzliches Ja zum Leben zu haben und sich selbst zu entdecken, seine Talente, seine Gefühle, seine Vorlieben, seine Identität. Da könnte man von Selbstverwirklichung sprechen. In der zweiten Lebenshälfte geht es dann aber darum nach innen zu wachsen. Wir erkennen immer mehr, wie die irdische Identität wegbricht, weil der Job, Beziehungen, die Gesundheit, die Kraft, etc. vergänglich sind. Da sind wir dann aufgerufen, uns auf die Reise zum “inneren/wahren” Ich zu begeben. Das fand ich extrem hilfreich. Selbstverwirklichung kann also je nachdem wo ich stehe etwas anderes bedeuten. Mit dieser Sicht driftet man auch nicht in ein einseitiges Ego-Bashing ab. Es ist eine unserer Lebensaufgaben, eine starke Identität zu entwickeln und Gottes Anlagen in uns zum Blühen zu bringen. Aber am Ende des Lebens lassen wir diese los und schenken sie Gott zurück.

  5. Hi Gofi, hi Jay,

    der Talk ist unglaublich gut!

    Witzig, dass Jay von sich sagt, dass er ein Kopfmensch ist und dann aber mit solchen Erfahrungen um die Ecke kommt.

    Ich finde es so stark, in welcher Weite ihr unterschiedliche, teils gegensätzliche Denkweisen, Erfahrungen und Ideen anschaut, stehen lasst und verbindet. Das fühlt sich gut an. Leider sind zu viele Menschen damit beschäftigt, ihre Denkweise verteidigen, dass sie den Reichtum von anderen verpassen.

    Da ihr auf Physik bzw. auf Licht steht: Dass man für eine umfassende Beschreibung der Realität mehrere Modelle braucht, zeigt der Welle-Teilchen-Dualismus. Dabei handelt es sich um zwei gegensätzliche Beschreibungsmodelle für die Eigenschaften von Quantenobjekten (also auch Licht), die aber beide zutreffen. Nur mit einem kommt man nicht weiter.

    Vielleicht wäre das einen eigenen follow up Talk mit Heino wert?! 😉

  6. Vielleicht sollte man lieber keine Schuhe draus machen, die man sich dann anzieht, sondern auf diesem Weg lieber barfuß laufen (auch wenn ich selber großen Respekt und sogar ziemliche Angst vom Barfußlaufen habe…!)?

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