Selbstoptimierung, der richtige Beruf, die Frage nach der Berufung, Meditation: Die Suche nach dem wahren Ich kann viele Formen annehmen. Es lässt sich offensichtlich nur schwer finden. Oder ist das sogar gar nicht möglich? Gibt es das Selbst? Was soll das sein? Ist es oder wird es? Ist es der Ort, an dem man Gott findet? Oder gar Gott selbst? Julia hat uns mit einem Kommentar zu einer Folge von Cobains Erben inspiriert. Und wir nehmen den Faden auf und spinnen ihn weiter. Dabei erzählt Jay von einer Begegnung mit seinem wahren Selbst, das ihm Gofi gar nicht zugetraut hätte. Aber hört selbst.

13 thoughts on “#170 Auf der Suche nach dem wahren Ich

  1. Hallo ihr beiden,
    ihr macht hier ein Spannungsfeld auf, wo auch eins hin muss, wie ich finde, und beschreibt es sehr treffend und anschaulich. – Musste spontan an ein Zitat aus einem Artikel von Daniel Gerhardt auf Zeit Online denken. Da benutzt er die Formulierung „die Seele auf letzte Restbefindlichkeiten abtasten“ (großartig!) – ich glaube, das ist genau das, was Gofi wütend macht, wenn er sagt, dass man doch jetzt einfach mal Verantwortung übernehmen muss und mal anpacken muss. Dieses Gefühl hatte ich auch schon so oft in den letzten Jahren! GLEICHZEITIG ist es aber doch auch so, dass wir oft so entfremdet von uns selbst und anderen leben und mehr Kontakt zum „wahren Selbst“ gebrauchen könnten (vielen Dank für deine Erzählung, Jay, das war sehr spannend!). Vielleicht aber auch manchmal mehr Kontakt zum wahren Gegenüber?!
    Vielen Dank für diese Anregungen!

  2. Eure Talks werden immer mystisch-philosophischer 🙂 (Er hieß übrigens Par-mé-ni-des)
    Im Bezug auf mein Leben finde ich das Modell der verschiedenen Schichten des Selbst bzw. die Unterteilung in äußeres und inneres Selbst sehr passend.
    Meine „Berufungs“Erfahrungen gehen so: Ich weiß genau, was ich machen will, wofür mein Herz schlägt, was mir liegt… und mein Leben sagt: NEIN. Und stellt mich in andere Situationen – in manchen fühle ich mich überraschenderweise „in meinem Element“, in anderen bin ich total überfordert. Dennoch sagt mir das Leben: Jetzt mach den verdammten Job. Und immer wieder komme ich an einen Punkt – besonders in den Lebensumständen, aus denen ich fliehen möchte -, an dem ich denke: und wenn „ich selbst sein“, „Berufung leben“ einfach nur das ist: lieben, die Menschen und Dinge, die dir vor die Füße kommen?

    Und vielleicht kommen wir dann da bei uns an, bei dem wahren Selbst, das Jay gefunden hat (und der soll mir noch einmal erzählen, er hätte keine Gotteserlebnisantennen 🙂 ), das sagt: „Ich bin dir freundlich gesinnt, mach dir nicht so viele Sorgen, ich bin froh, bei dir zu sein.“ Oder geben es erst dann wirklich weiter.
    Wenn es tatsächlich diesen Meister Eckhartschen göttlichen Funken in uns allen gibt, wenn Gottesebendbildlichkeit und ruach in uns allen dieses wahre, innere Selbst ist, dann sind wir uns alle in diesem inneren Selbst gleich und können uns darin begegnen. Uns zusprechen, dass wir einander freundlich gesinnt sind, froh sind, beieinander zu sein, uns gegenseitig trösten etc…

  3. Oh Dankeschön Jungs, dass ihr meinen Kommentar berücksichtigt und aufgegriffen habt, da habe ich mich sehr darüber gefreut! Ja, die gute Jackie hat da wirklich etwas Tolles gesagt, was in mir immer noch nachklingt! Im Rückblick auf mein Leben habe ich festgesellt, dass ich mir die Frage: „Wer bin ich?“ sehr lange überhaupt nicht gestellt habe. Zuerst war sie eher verpönt im Sinne von: „Ohne Gott bin ich gar nichts, ich brauche ihn um meine Identität zu bekommen“, dann wurde eher gefragt: „Wie muss ich werden, damit Gott mich gebrauchen kann?“ Später stellte ich mir die Frage, wie ich sein muss um von anderen geliebt und akzeptiert zu werden und noch später, wie ich sein muss, um von einem bestimmten Menschen geliebt zu werden. Ich war über dreissig Jahre alt, als ich mir zum ersten Mal wirklich die Frage gestellt habe, wer ich denn eigentlich bin und was ich eigentlich will.

    Ich denke, dass es bei sehr vielen von uns der Fall ist, dass wir auf diese Fragen eher später als früher stossen, und das ist auch nicht weiter schlimm! Unsere Augen sind nun mal nicht so ausgerichtet, dass sie in unser Inneres sehen, sondern das, was um uns herum passiert. Wir sind Beziehungswesen und wir sind daran gewöhnt uns selbst durch die Augen der Anderen zu deuten, durch das, was wir gespiegelt bekommen. Dass wir auch eine Beziehung zu uns selber haben, darauf kommen wir erst im Laufe des Lebens, obwohl wir diese Beziehung schon unser Leben lang pflegen, manchmal besser und manchmal schlechter.

    Wenn Gofi sagt, dass es seiner Ansicht nach das wahre Selbst nicht gibt, würde ich widersprechen und dagegenhalten: Wenn wir sogar einzigartige Fingerabdrücke haben, müssen wir auch andere Eigenschaften haben, die einzigartig sind. Vielleicht ist für uns auch einfach die Vorstellung, dass wir einzigartige Geschöpfe sind, zu hoch, weil die Welt und das Leben uns ständig sagen, dass wir austauschbar sind und niemand auf uns gewartet hat. Aber dann gibt es diese Situationen, in denen wir einem anderen Menschen scheinbar ins Herz sehen und genau das Richtige tun oder sagen. Diese Situationen, in denen eine Verbindung entsteht, in denen wir Schmerz oder Freude teilen. Ich glaube nicht, dass wir in diesen Momenten austauschbar sind. Genauso ist es, wenn wir uns verlieben. Ja, unser Gegenüber hat augenscheinlich alles, was Millionen andere Menschen auch haben, und trotzdem gibt es eine Verbindung, die es zu keinem anderen Menschen gibt und so auch zu keinem anderen Menschen mehr geben wird. Und auch das bleibt für uns unverfügbar, wir verstehen es nicht, können es nicht rational erklären und nicht reproduzieren.

    Anders als früher habe ich heute nicht mehr das Gefühl, Gott nur ausserhalb meiner selbst zu finden. Nicht in dem Sinne, dass ich selbst göttlich bin, eher in diesem Sinne von dem was Gofi gesagt hat, dass wir versuchen Gott in allen Dingen zu erkennen und dabei oft vergessen, dass wir selbst auch dazu gehören, dass wir Gott auch in uns selbst erkennen können. Da fällt mir ein Zitat ein, welches Jay Letzens auf Facebook geteilt hat, das spielt doch auch in das hinein, oder was meint ihr?

    On idolatry:
    „‚Why are graven images forbidden by the Torah?’ I once heard Abraham Joshua Heschel ask. Why is the Torah so concerned with idolatry? You might think that it is because G-d has no image, and any image of G-d is therefore a distortion. But Heschel read the commandment differently. ‘No,’ he said, ‚it is precisely because G-d has an image that idols are forbidden. You are the image of G-d. But the only medium in which you can shape that image is that of your entire life. To take anything less than a full, living, breathing human being and try to create G-d’s image out of it – that diminishes the divine and is considered idolatry. You can’t make G-d’s image, you can only be G-d’s image.'“
    —Rabbi Arthur Green

    Hier noch auf deutsch:
    Über Götzendienst:
    „‚Warum sind Götzenbilder in der Tora verboten?‘, hörte ich Abraham Joshua Heschel einmal fragen. Warum beschäftigt sich die Thora so sehr mit dem Götzendienst? Man könnte denken, dass es daran liegt, dass G-tt kein Bild hat, und jedes Bild von G-tt daher eine Verzerrung ist. Aber Heschel las das Gebot anders. „Nein“, sagte er, „gerade weil G-tt ein Bild hat, sind Götzenbilder verboten. Du bist das Abbild G-ttes. Aber das einzige Medium, in dem du dieses Bild formen kannst, ist dein ganzes Leben. Etwas weniger als ein volles, lebendiges, atmendes menschliches Wesen zu nehmen und zu versuchen, G-ttes Bild daraus zu erschaffen – das vermindert das Göttliche und wird als Götzendienst betrachtet. Du kannst nicht G-ttes Ebenbild machen, du kannst nur G-ttes Ebenbild sein.'“
    -Rabbi Arthur Green

    So gesehen macht es auch wieder Sinn, dass in uns etwas Unverfügbares ist. Genauso, wie Gott für uns unverfügbar bleibt…

    1. Liebe Julia,
      danke für deine Gedanken, dass sind wirklich tiefe und gute Ergänzungen zu dem Talk. Ich hatte während des Gesprächs tatsächlich auch an das Heschel-Zitat gedacht und daran es zu bringen, weil es tatsächlich supergut zum Thema passt. Aber dann konnte ich es nicht mehr unter bringen. Von daher, super, dass Du das jetzt nachgeholt hast. Und danke auch für die Übersetzung.

      LG,
      der Jay

  4. Sehr spannender Talk!

    Eine Anmerkung zum Spannungsfeld äusseres Tun und inneres Sein: Ich glaube, es ist eine Pendelbewegung. Wenn wir „Gott auf dem Grund unserer Seele begegnen“ (oder wie ihr das auch ausdrücken wollt), verändert uns das. Gottes Annahme und Liebe färbt sozusagen auf uns ab. Dann schickt er uns damit wieder in die Welt hinaus, um sein Wesen zu reflektieren. Jan van Ruysbroeck hat dies so formuliert: „Gott atmet uns in der Kontemplation ein und wir müssen dann ganz in Ihm aufgehen. Später atmet der Spirit oder Atem Gottes uns wieder aus, damit wir lieben und Gutes tun.“

    Thomas Keating beschreibt in seinem Buch „Invitation to Love“ vier Abschnitte im Leben, die ihre jeweils eigene spirituelle Aufgabe haben. Am Anfang des Lebens geht es darum ein grundsätzliches Ja zum Leben zu haben und sich selbst zu entdecken, seine Talente, seine Gefühle, seine Vorlieben, seine Identität. Da könnte man von Selbstverwirklichung sprechen. In der zweiten Lebenshälfte geht es dann aber darum nach innen zu wachsen. Wir erkennen immer mehr, wie die irdische Identität wegbricht, weil der Job, Beziehungen, die Gesundheit, die Kraft, etc. vergänglich sind. Da sind wir dann aufgerufen, uns auf die Reise zum „inneren/wahren“ Ich zu begeben. Das fand ich extrem hilfreich. Selbstverwirklichung kann also je nachdem wo ich stehe etwas anderes bedeuten. Mit dieser Sicht driftet man auch nicht in ein einseitiges Ego-Bashing ab. Es ist eine unserer Lebensaufgaben, eine starke Identität zu entwickeln und Gottes Anlagen in uns zum Blühen zu bringen. Aber am Ende des Lebens lassen wir diese los und schenken sie Gott zurück.

  5. Hi Gofi, hi Jay,

    der Talk ist unglaublich gut!

    Witzig, dass Jay von sich sagt, dass er ein Kopfmensch ist und dann aber mit solchen Erfahrungen um die Ecke kommt.

    Ich finde es so stark, in welcher Weite ihr unterschiedliche, teils gegensätzliche Denkweisen, Erfahrungen und Ideen anschaut, stehen lasst und verbindet. Das fühlt sich gut an. Leider sind zu viele Menschen damit beschäftigt, ihre Denkweise verteidigen, dass sie den Reichtum von anderen verpassen.

    Da ihr auf Physik bzw. auf Licht steht: Dass man für eine umfassende Beschreibung der Realität mehrere Modelle braucht, zeigt der Welle-Teilchen-Dualismus. Dabei handelt es sich um zwei gegensätzliche Beschreibungsmodelle für die Eigenschaften von Quantenobjekten (also auch Licht), die aber beide zutreffen. Nur mit einem kommt man nicht weiter.

    Vielleicht wäre das einen eigenen follow up Talk mit Heino wert?! 😉

  6. Vielleicht sollte man lieber keine Schuhe draus machen, die man sich dann anzieht, sondern auf diesem Weg lieber barfuß laufen (auch wenn ich selber großen Respekt und sogar ziemliche Angst vom Barfußlaufen habe…!)?

    1. Wunderbarer Kommentar

      , schreibt dir Eine, die es liebt barfuß zu laufen und dich unbekannter Weise lieb grüßt.

      (Flip Flops sind übrigens auch klasse und vielleicht für dich weniger Mut erfordernd?)

  7. Meine Fresse, wo habt ihr denn Meister Eckhart studiert? In der Baumschule, oder was? Ne, also wirklich, wann immer ihr Beiden mit eurem panentheistischen Blödsinn um die Ecke kommt und dann auch noch den guten Eckhart dafür zum Zeugen aufrufen wollt, möchte ich kreischend mein scheiß Laptop gegen die Wand feuern und mir aus dessen Trümmern die Pulsadern aufschneiden. Zum Glück bin ich ein so selbstbeherrschtes Kerlchen, dass ich mich gerade noch bremsen kann, aber was ist das nur mit uns?

    Da mach ich mal ’ne kurze Hossa-Talk-Pause, schalte schließlich wahllos einen Podcasts ein, den ich noch nicht gehört hatte und bam- voll auf die Fresse!

    Und nein, ihr bekommt jetzt nicht von konservativer Seite die Leviten gelesen, sondern von euresgleichen! Gratuliere!

    Ach wie biblisch sind doch Jay und Gofi! Haben sogar in der Apostelgeschichte gelesen, dass der olle Paulus mal auf dem Areopag war und dort die armen Griechen genervt hat. Und dann schlendert der Paulus also so durch Athen und sieht all die vielen Statuen und Götzenbilder und sein innerer Pharisäer wird schon ganz unruhig, als sein Blick, Gott sei es gedankt, auf einen Altar fällt, der einem unbekannten Gott geweiht ist – super Aufhänger!

    Von diesem unbekannten Gott will Paulus nun den Athenern berichten und macht dabei zwei Grundgedanken stark: die schöpferische Begründung und Gestaltung der Welt durch Gott, sowie die Präsenz Gottes im Universum und sein Dasein für die Fülle seiner Geschöpfe. Es gibt auch zwei Folgerungen, die Paulus aus den Grundaussagen gewinnt: Gott wohnt nicht in Tempeln, die die Menschen erbaut haben, sowie: Gott braucht und will keinen Opferkult.

    Es folgt ab Vers 25 ein bißchen blabla über die Ordnungen Gottes und seines Schöpfungsauftrags an die Menschen und schließlich die Aufforderung Gott zu suchen. Da Gott aber nicht wirklich in materiellen Dingen „ertastbar“ ist, steht der Mensch vor dem Problem, dass sich seine Suche nach Gott von Vorhinein als aussichtslos erweisen könnte, wäre da nicht die liebevolle Präsenz Gottes. Paulus sagt, dass Gott keinem von den Menschen fern ist.

    Und jetzt kommt Jay und Gofis Lieblingsvers, den sie mit hämischer Schadenfreude den armen Konservativen unter die Nase reiben möchten, um….ja, um was eigentlich? Um euren panenheistischen Blödsinn biblisch belegen zu wollen? Um euch als treue Richard Rohr Jünger zu erweisen? Sanctus simplicitas!

    Da begibt sich Paulus an einer einzigen fucking Stelle in der Heiligen Schrift mal auf griechisches Niveau, also auf Augenhöhe mit seinen Gesprächspartnern, zitiert einen der ihren, namentlich Aratos, und schon machen Jay und Gofi eine verdammte Metaphysik daraus. Dabei zielt der Vers selbstverständlich nicht auf panentheistischen Blödsinn ab, sondern auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen! Aratos war nämlich so wie Paulus von der Gottverwandtschaft der Menschen überzeugt. Die menschliche Gottesnähe, das leben, bewegen und weben in Gott, muss man also als Bestimmung zur Gottesebenbildlichkeit durch Gott, den Schöpfer verstehen und nicht zur Aufforderung, in Baum und Borke Gott zu sehen!

    Es ist ja gerade unsere Gottesebenbildlichkeit die verständlich macht, weshalb Gott nicht wie ein menschliches Kunstwerk aus Gold, Silber oder Stein sein kann. Gott wohnt nicht in Statuen, er wohnt nicht in Tempeln, oder im materiellen Irgendwas, er wohnt im Menschen. Das will Paulus den Athenern verklickern und sonst gar nichts. Und jetzt die Preisfrage für Panentheisten: Inwiefern ist Baum und Borke Gottes Ebenbild?

    Aber während man euch derlei Verwirrung noch mit ein bisschen guten Willen durchgehen lassen könnte, hört’s bei Meister Eckhart dann aber wirklich mal auf. „Jubilate“ rufen sie! „Jubilate“! Und ich könnte die Wände hoch und runter kotzen!

    Bitte, was an euren Ergüssen war da denn bitteschön Meister Eckhartlich? Das „wahre Selbst“? Jo, sowas gibt es bei Eckhart durchaus. Nennt er zwar das „Etwas in der Seele“ und meint damit den intellectus agens, den man sich von Dietrich von Freiberg her erarbeiten und der (augustinisch) als abditum mentis verstanden werden müsste, aber es ist ja gerade dieses „Etwas in der Seele“, das euren panentheistischen Blödsinn ad absurdum führt.

    Ich versuch’s mal so einfach zu erklären wie ich kann. Eckhart nennt das „Etwas in der Seele“ auch den Seelengrund, also quasi der „Ort“, wo Gott und Mensch eins sind. Das ist neoplatonisierende Einheitsmetaphysik in der das „wahre Selbst“ Einheit mit Gott ist und gerade deshalb mit dem „dies und das“ der Welt, eben mit Baum und Borke, rein gar nichts zu tun hat.

    Eckhart ist also gerade deshalb kein Panentheist, weil es bei ihm einen fundamentalen, unüberbietbaren Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung gibt. Und er sagt dazu z.B.:

    „Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes als Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist eins. Soll darum die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn über der Zeit und über dem Raum erkennen; denn Gott ist weder dies noch das (der Welt), wie diese Dinge der Mannigfaltigkeit; denn Gott ist eins. Soll die Seele Gott sehen, so darf sie auf kein Ding in der Zeit sehen; denn solange die Seele der Zeit oder des Raums oder irgendeiner Vorstellung dergleichen bewusst wird, kann sie Gott niemals erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so muss es vorher aller Farbe entblößt sein. Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit dem Nichts nichts gemein haben. Wer Gott erkennt, der erkennt, dass alle Kreaturen (ein) Nichts sind. Wenn man eine Kreatur gegen die andere hält, so scheint sie schön und ist etwas; stellt man sie aber Gott gegenüber, so ist sie nichts.“

    Gott ist bei Eckhart also immer der transzendente Urgrund alles Geschöpflichen und hebt sich in keiner Weise in seiner Schöpfung auf, worauf bereits Eriugena, in neuplatonischer Tradition stehend, aufmerksam machte:

    „Das Eine bleibt jenseits von allem, auch wenn es in allem erscheint, das Übersein hebt sich nicht selbst auf ins Sein, sondern bleibt dessen transzendenter Ursprung. Gott ist kein bestimmtes und d. h. immer auch: begrenztes Etwas, das positiv gewusst werden könnte, sondern das unendliche Nichts der reinen Transzendenz“.

    Jay, wenn du deinen Baum umarmst, dann umarmst du nichts Göttliches, sondern lediglich strukturbildende Atome, deren transzendenter Urgrund nach Eckhart Göttliche Einheit ist, in dessen Ursprung du und Gott und Baum und jedes verdammte Atom in diesem fucking Universum eins und gerade deshalb nichts sind, als Gott. Der Urgrund und der Ursprung sind göttlich, nicht das als Baum ausgeflossene Manifestierte.

    Den panentheistischen Gott in der Welt gibt es bei Eckhart nun einmal nicht, gerade weil das „wahre Selbst“ des Menschen Gottesebenbildlichkeit, göttliche Einheit ist und vermöge des Seelengrundes Gott in uns wirkt und uns diese verdammte Welt erkennen lässt, die bei Eckhart aber nicht wirklich ist, kein selbständiges Sein hat, sondern nur geschaffen, vergänglich und letztlich Nichts ist. Solange du auf ein irgendein Ding in der Welt blickst, kannst du Gott nicht erkennen, sondern du sollst nach Eckhart von der Welt, von allem (auch von dir, auch von deinen Gottesvorstellungen) lassen und auf diese Weise in den Seelengrund zurückkehren, in dem alles eins ist. Das kannst du, weil du nach Eckhart niemals aus diesem Urgrund herausgetreten und somit immer schon in göttlicher Einheit bist.

    Solange du jedoch „Ich“ sagst, fühlst und denkst, sagst, fühlst und denkst du damit auch immer, dass alles andere „nicht Ich“ ist. „Ich sagen“ ist aktives abstrahieren. Das ist das Leben in der Welt, in der wir uns getrennt von allem als „Ich“ erfahren. Unser „wahres Selbst“ ist aber oberhalb von Raum und Zeit von „Ich“ und „nicht Ich“ in Göttlicher Einheit und panentheistischer Blödsinn verdunkelt gerade diese Tatsache, weil es den geschöpflichen Dingen quasi göttliche Qualität verleihen möchte. Damit bleibst du den weltlichen Dingen verhaftet, statt sie nach Eckhart zu lassen und sagst zum Baum „ich sehe in Gott in dir“, statt den Unterschied zwischen „ich“ und „Baum“ zu transzendieren und endlich mal zu raffen, dass du das tatsächlich kannst, weil du eben im Bilde Gottes geschaffen bist und nach Eckhart der Baum, den du in Armen hältst, „deinem“ Seelengrund entstammt, in dessen Ursprung es zwischen Baum und Jay keinen verdammten Unterschied gibt, weil dort alles in Gott eins ist.

    „Jubilate“, frohlockt da mein „wahres Selbst“. Der scheiß Daniel ist aus welchem gottverdammten Grund auch immer 1975 nur vorübergehend ins Materielle, ins Weltliche, in Leid, Schmerz, Angst und Tod geraten und das Erleben von Getrenntsein, von „ich und nicht ich“, von „gut und böse“, ums mal biblisch auszudrücken, ist tatsächlich wohl einfach nur einer beschissenen Frucht zu verdanken. Quasi eine Vergiftung. Einer Wahrnehmungsvergiftung….

    LG
    der Daniel

  8. Hey Jay,
    als ich Gofi und dir in diesem Talk zu höre.. (wann kapiere ich endlich, dass sich Hossa Talks nicht zum Einschlafen eignen?!..),
    entstand bei mir durch ein paar Aussagen (von dir, Jay) zu Heraklit vs. ?,
    ein Themenwunsch für einen Hossa Talk. –
    Das Thema betrifft den freien Willen (- gibt es ihn wirklich oder eben nicht?)

    Heraklit (falls er denn so geschrieben wird), der sagte, dass man nie ein zweites Mal in denselben Fluss steigt und dann Philosoph/ Denker X, der Sinn gemäß behauptete, dass das Selbst unveränderbar fest stünde..
    machten mich nachdenklich.
    Irgendwie ist das Selbst/das Ich in beiden Entwürfen letzten Endes nicht wirklich frei.
    In der Aussage von Denker X scheint alles fest zu stehen. Schicksalhaft? Oder seiner Meinung nach wodurch.. oder durch welche Instanz? Oder grundlos- einfach weil es eben fest steht?

    Und wenn nichts fest steht- sich alles verändert- wie frei bin ich dann zum Beispiel als MenschIn, wenn mir bspw. Sicherheit wichtig ist?
    Wenn mir der freie Wille und die Freiheit an sich immens wichtig ist, ich aber genauso auch Sicherheit brauche.. dann funktionieren weder Heraklits noch Denker X‘ Aussage.

    Im ersten Entwurf fehlt die Sicherheit in Form von z.B. Beständigkeit.. abgesehen vom Fließen und dem hinein steigen ;-P 🙂 und im zweiten Entwurf.. puh!, da finde ich es fast schon beklemmend, beängstigend?, vielleicht auch weiter gedacht wütend machend?,.. starr, wenn es denn wahr sein sollte.

    So viele Gedanken.. .

    Freier Wille.
    Das wär doch ein Thema für den Hossa Talk.
    Oder, liebe Hossaz?

    Herzlich!
    R.

    P.s. , die mal wieder merkt, dass sie euch zwei Welt(v)erklärer einfach mag. So wirklich.

    1. Liebe Katja,
      Parménides = Denker X

      ich möchte das noch berichtigen.
      Und ich habe nicht richtig bzw. unvollständig zitiert.

      (P.s. Lieber innerer Kritiker.. jetzt nimm mehrere Mützen Schlaf!) <- meine damit meinen eigenen.

    2. Ja, das wäre ein spannendes Thema. Zum Warmwerden wäre mein Gedanke dazu, dass wir viel zu stark unsere individuelle Freiheit betonen und dabei vergessen, dass Freiheit ein Beziehungsakt ist. Man denke zum Beispiel an ein Kind am Beckenrand, das nicht schwimmen kann. Der feste Boden gibt ihm 100% Sicherheit, aber wenn es dazu bestimmt ist, schwimmen zu können, dann ist es in diesem Moment zu 0% frei. In die Freiheit kommt es erst, wenn jemand da ist, der es zur Freiheit herausfordert (Komm ins Wasser, ich zeig dir, wie es geht!) und in der Freiheit bestätigt (Du kannst das!). Der Moment, in dem sich das Kind einen Ruck gibt, ins Wasser zu gehen, wäre dann vielleicht der eigentliche Freiheitsakt – was aber bedeutet, dass wir, selbst wenn Freiheit nur eine Illusion ist, wir dann tatsächlich frei sind, wenn wir an diese Illusion (Du bist frei, ins Wasser zu gehen!) glauben.

      Etwas komplizierter drückt das Fichte aus: Das beutet aber nicht weniger, als dass wir alle als Individuen nur durch wechselseitige (frei-setzende) freie Setzung einer (frei-setzenden) freien Setzung sind.

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